Beweg dich nicht!

Am Sonntag war ich mit den Kindern wieder mal in Nanshan, diesmal zum Snowboardfahren. Steffi bleibt zu Hause, denn ihrer Erkältung geht es noch zu gut. Außerdem fahren wir anderen nur, weil es vielleicht die letzte Gelegenheit ist. Das Skigebiet schließt Mitte März. Die Luftwerte sind so, dass die Schüler in der Pause gerade noch rausgehen dürften.

Ich leihe mir auch ein Snowboard aus. Steffi sagt hinterher: „Jaja, wenn der Esel aufs Eis geht…“ Am Anfang auf der Babypiste läuft es noch ganz gut und ich freu mich, dass ich so schön sportlich bin, aber als ich die nächste Schwierigkeitsstufe ein paar mal gefahren bin, haut es mich auf den verlängerten Rücken, dass ich glaube, ich kann nie wieder aufstehen. Solveigh ist zum Glück sofort bei mir und hilft mir hoch. Ein Pistenhelfer ist aber auch nach einer halben Minute da, um sich zu überzeugen, dass kein Motorbob geholt werden muss. Irgendwie schaffe ich es ins Tal, aber der Tag ist für mich gelaufen.

Der deutschsprachige Arzt im Krankenhaus stellt am nächsten Tag fest, dass wohl die Bandscheiben gestaucht sind, und die Muskeln gezerrt, aber röntgen braucht er nicht. Beweglich sei ich ja noch, ich solle mich schonen. Gute Rede, ich kann sowieso nichts anderes. Ich bin froh, wenn ich meine Strümpfe alleine anbekomme.

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So wie auf dem Berg sieht es auch in der Stadt aus. Man sieht das nächste Hochhaus kaum. Wir haben es auch schon mal noch undurchsichtiger gehabt, aber die Tage ohne Sonne sind nun mit zwei Wochen schon zu zahlreich. In der Schule ist meine Familie mit bester Luft versorgt, nur der Weg hin und zurück ist gesundheitlich schädlich. Wie die meisten setzt Steffi ihre Maske auf. Die Luft schmeckt nach Ofen. Ich war nie in Bitterfeld, aber so ähnlich soll es dort gewesen sein.

Auf den einschlägigen Internetseiten kann man es besser nachlesen (und ich habe auch keine anderen Informationen): Alarmstufe zwei oder orange, es werden nicht genug Zement- und Stahlwerke geschlossen, die Proteste werden zahlreicher, die Regierung wiegelt ab. Offene Kritik wird sogar in der China Daily geübt.

Ein Sechstel Chinas soll unter Smog leiden. Schön ist was anderes. Hoffnungsschimmer ist der Wind, der für Donnerstag angekündigt ist.

Vielseitige Dreiräder

Nicht alle der hier gezeigten Fahrzeuge sind Dreiräder, aber alle zeugen von der enormen Einfallskraft der Chinesen. Und wie vielseitig Räder verwendet werden können. Selten sieht man noch jemanden in die Pedale treten, auch die meisten alten Gefährte surren ganz leise an einem vorbei, denn sie sind mit Elektromotoren versehen. Manche haben auch Rasenmähermotoren untergebaut und künden sich durch Knattern von weitem an. Nummernschilder sieht man daran vergebens.20131115_162211

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Waffeln, die so wie Eiswaffeln schmecken, aber als Kekse direkt vom Dreiradstand verkauft werden. Bei Schlaglöchern werden Kekskrümel aus den unteren Exemplaren.DSCF3005

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Die Winterkappe der Rikschas wird bei Kälte übergestülpt und bläht sich bei voller Fahrt auf:DSCF6184

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Etwas außerhalb des Zentrums haben die Ladeflächen sogar Matratzen für den Personentransport.L1056777

Du denkst, das fährt nicht mehr?L1057062

Seine Frau hat noch kein E-Bike, also muss er schieben.L1057221 L1057222

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Eine Art Mini-Pappamobil:L1057542

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Im Winter sind die Türen von Märkten, kleinen Shops, Restaurants oder anderen Häusern mit hoher Fluktuation wie hier einem Krankenhaus mit gesteppten Vorhängen verhängt, wenn es keine Schleuse gibt.X1000833

Verfahrene Buslinien

Seit diesem Halbjahr hat Jan Ingmar Schwimmunterricht. Im ersten Halbjahr war Solveigh dran. Mit einer Schlabberhose, wie man sie am Strand anzieht, kann er natürlich nicht schnell schwimmen. Ich hole Jan Ingmar von der Schule ab, um mit ihm eine Badehose zu besorgen. Als Transportmittel wollen wir mal das Busnetz Beijings kennenlernen. Zum Decathlon hin ist es noch recht einfach: der 536 fährt nach Wangjing, dann müssen wir noch ein wenig laufen, schon sind wir da. Auf dem Weg zurück sehen wir die Nummer 110. Den nehmen wir, der fährt genau an unserem Zuhause vorbei. Denkste!

Als die Himmelsrichtung ganz und gar nicht mehr stimmt, steigen wir an einem Landmark aus, das wenigstens ich schon kenne: Der Olympiapark. Wir laufen die Sehenswürdigkeiten ab und fahren dann mit der U-Bahn nach Hause. Dort stelle ich fest, woran es lag: es gibt zwei Linien mit dem gleichen Namen, die vollkommen woanders fahren. Das lässt ja noch einiges an Überraschungen erwarten. Immerhin hat der Vater mit dem Sohne mal wieder was entdeckt. So viele Drachenverkäufer habe ich noch nie auf einem Haufen gesehen.X1000742exaggerated

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Manche Schriftzeichen kann ich mit viel Mühe dechiffrieren: hier steht Xin Chun – Chinesisches Neues JahrX1000751a

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Beijing im Kleinen

Eigentlich wollten wir zum letzten Mal in diesem Winter zum Skilaufen fahren, aber die Luftverschmutzung ist zu hoch für sportliche Betätigung. In der vorletzten Nacht war das Laternenfest, das letzte Event des Frühlingsfestes, und da wurde noch mal alles gegeben, was der Feuerwerksverkauf zu bieten hat. Dementsprechend ist die Luft mangels Wind. Ich kann nicht sagen, ob der Smog jetzt von den Böllern kommt, aber nehmen wir es mal an, dann bekommen wir im kommenden Jahr herrlich blauen Himmel jeden Tag. Heute abend wurden die Stände wieder abgebaut.X1000582

Das Alternativprogramm zum Sport heißt Beijing Planning Exhibition Hall und liegt gleich östlich der Qianmen-Metrostation. Unsere Kinder sind von der ersten Schulwoche nach den freien Tagen noch völlig groggy und bleiben zu Hause.

Für 30 ¥ Eintritt dürfen wir ein dreistöckiges Ausstellungsgebäude betreten, das es vor allem im obersten Stockwerk in sich hat: Auf 390 qm hat man ein Modell der Stadt im Maßstab 1:750 aufgebaut. Man betritt eine Glasfläche, die aus Satellitenbildern von Beijing besteht, so dass wir auch sprichwörtlich auf unseren Dachboden gehen können. Der Plan ist sogar bis in die letzte Ecke des Raumes durchgezogen.L1058017_CF

Im Dunkeln ist die Fläche hinterleuchtet, was alleine schon den Besuch wert wäre, aber das darin eingearbeitete Modell ist Hammer! Das hätten wir uns schon vor Monaten anschauen sollen, der Überblick über die Stadt gelingt einfach besser damit. L1058018_CF

Es gibt eine Empore, die leider an der interessantesten Stelle einen Bildschirm hat, so dass man nicht genau von oben auf die Verbotene Stadt blicken kann. Nichts ist vollkommen..L1058022_CF

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Im Treppenhaus hängt eine Bronzeplatte von 10 x 9 m Ausmaßen, die die Verbotene Stadt und die Außenstadt im Jahre 1949 zeigt. 118.000 Häuser und 60.000 Bäume sind hier eingegossen. Besonders gut kann man darauf die Achse erkennen, die sich fast 8 km durch die Stadt zog und in deren Mitte die Verbotene Stadt liegt. Heute endet die Achse noch mal verlängert am Olympiazentrum.

Überhaupt hat die Stadt mit dem Jahr 2008 einen enormen Sprung gemacht. Auch wenn beispielsweise darüber nachgedacht wird, die ikonografische  Olympiaschwimmhalle abzureißen, weil der Wartungsaufwand zu groß ist, hat die Olympiade Beijing auf eine neue Ebene gehoben, eine echte Weltstadt erzeugt. Ich hoffe, wir sind dabei nicht der Werbung des Stadtmarketings erlegen, die uns das glauben machen will.

Dumme Frage: Was macht der Flügel im Treppenhaus?L1058033_CF

Hier sieht man noch mal sehr schön, weswegen die schlechte Luft sich so gerne in Beijing aufhält: drei Seiten der Stadt sind von Bergen umgeben, so dass auch ein bisschen Wind nicht viel an der Situation ändern kann.L1058036_CF

Ein bisschen Multimedia-Werbung für China und dessen Bemühungen, die (Um-)Welt zu retten, wird neben der ansonsten weitgehend auf chinesisch beschrifteten Darstellung der Stadtentwicklung ebenfalls dargeboten.L1057990_CF_1

Eins kann ich nicht verstehen: Wir sind hier am Sonntag, es ist spektakulär, ein Sightseeing-Highlight, aber wir sind fast alleine. Woran liegt das bloß?

Tiananmen

Kälte, strahlend blauer Himmel, Wochenende.

Wir waren bisher nur am Rande des angeblich größten Platzes der Welt. Mich interessiert die Fläche ja als Architekt und Dithmarscher gleichermaßen, denn als ich in Heide zur Schule ging, galt der Heider Marktplatz als der größte innerstädtische Platz Europas; als wir in Iran lebten, besuchten wir mehrere Male den Naghshe Jahan in Esfahan, der der zweitgrößte Platz der Welt sein soll. Und jetzt ist Beijjing dran. Um noch ein paar andere Superlative zu zitieren: Iran das Land mit den zweitmeisten Hinrichtungen weltweit, China die meisten. Wo sich Dithmarschen dabei unterbringen lässt, sei mal dahingestellt.

Wir reisen also mit Bus und der U-Bahn an, was eine dumme Idee war, weil es über eine Stunde länger als mit dem Fahrrad dauert. Immerhin frieren wir nicht. Um auf den Platz zu kommen, müssen wir einen Zollstationen ähnlichen Checkpoint ablaufen. Das ist uns aus der U-Bahn schon bekannt, denn jeder Metro-Eingang hat einen Röntgenapparat wie auf dem Flughafen. Ohne Sicherheitscheck keine Reise im Untergrund.L1057876

Ich bin jetzt mal faul und zitiere aus dem Bericht von Steffi von der Internetseite ihrer ehemaligen Schule:

„Nach dem Tod Maos wurde für seinen Leichnam auf dem Platz ein riesengroßes Mao-Soleum errichtet. So bebaut kann man die wahre Größe des 39,6 ha großen Platzes nicht ganz so wahrnehmen, wie ich es erwartet hatte. Beeindruckend war es trotzdem!Pano_Tiananmen

Auf dem Bild oben stehe ich schon auf dem Platz und schaue nach Norden auf das Tor des Platzes des Himmlischen Friedens. Dieses Tor ist auch der Haupteingang zur Verbotenen Stadt, dem Kaiserpalast in Peking. Es ist der Ort, von dem aus Mao Zedong am 1. Oktober 1949 die Volksrepublik China proklamierte. Deshalb erscheint das Tor auch im Staatswappen der Volksrepublik China.

Das Tor wurde während der Bauarbeiten an der Palastanlage im Jahr 1417 erbaut und am Ende der Ming-Dynastie niedergebrannt. Während der Qing-Dynastie wurde es erneut aufgebaut. Im Dezember 1969 wurde dann das originale, baufällige Tor komplett abgerissen. Es wurde bis April 1970 bis auf wenige Details originalgetreu nachgebaut. Von diesem Neubau ahnte allerdings kein Mensch etwas, weil die chinesische Regierung es geheim hielt. Bis zum Jahr 2000 dachten alle in der Welt, das Tor sei nur renoviert worden. So lange konnte der Abriss geheim gehalten werden.

Ich stehe also nur vor einem Nachbau. Schade, was? …aber mit dem Erhalt historischer Gebäude haben es die Chinesen viele, viele Jahre nicht so gesehen wie wir in Europa. Leider sind dadurch viele bis dahin erhalten gebliebene alte Gebäude unwiederbringlich verschwunden. So gesehen ist es doch ganz gut, dass sie dieses Tor wenigstens wieder nachgebaut haben!

Das Tor hat eine Gesamthöhe von 33,7 Metern und spielt eine zentrale Rolle in der chinesischen Geschichte. Am Tor des himmlischen Friedens wurden Proklamationen des Kaisers verlesen und hier brachte der Kaiser Opfer dar, wenn er den Palast verließ. Man sagt, dass die kaiserliche Seele vor seiner Geburt vom Himmel durch dieses Tor in die „Verbotene Stadt“ schwebte.“L1057896

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Vorne ist das Qianmen, das Südtor zu sehen, das aus 1419 datiert und zur ersten Stadtmauer gehörte. Hindurchgehen kann man tagsüber noch, die angrenzenden Mauern sind durch mobile weiße Zäune, die das Gesamtstraßenbild dominieren, ersetzt worden. Der Platz soll 1.000.000 Menschen bequem Platz bieten, wenn er es denn dürfte. Man könnte eine solche Menschenansammlung sogar relativ bequem in Schach halten, wie wir von 1998 wissen. L1057900

Schön ist der Platz allenfalls an seinen altertümlichen Toren, mit dem Konkurrent aus Esfahan kann er lange nicht mithalten, denn er ist nicht als durchgehende Fläche erlebbar (hier zwei Parolen-Videowände, dort das Mausoleum, da eine Siegessäule.) Wahrscheinlich hatte Mao angeordnet, seinen Leichnam zu verbrennen, um ein Bauwerk hier zu verhindern, aber höchstwahrscheinlich nicht. Auf seinen Wunsch gehört hat man jedenfalls nicht.

Alles ist hier gemacht, um sich selbst wie eine kleine Wurst zu fühlen und von China als großartiger Nation zu denken. Damit haben die Chinesen uns gegenüber einen Riesenvorteil, denn sie sind Teil dieser überlegenen Nation. Ich komm da nur raus, indem ich auch groß denke. Als Weltbürger bin ich ja ebenfalls Teilhaber des menschlichen Kulturguts und kann mir wieder auf die Schulter klopfen.L1057906

Dieser Punkt am Qianmen, an der diese Plakette im Fußboden eingearbeitet ist, soll der Ursprung der Highways Chinas sein. Das werden wir bei Gelegenheit mal überprüfen. Ich glaube, uns wird da auch viel weisgemacht.L1057919

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Im Süden geht die Achse der Stadt mit der Qianmen Da Jie weiter, einer Straße, die mal zu einem Hutong-Stadtviertel gehörte und komplett abgerissen wurde, um im alten Stil errichtete Geschäftshäuser hinzuklotzen. Darin befinden sich jetzt Starbucks, H&M Zara und ähnliche Läden. Nur die alte Straßenbahn und lebensgroße Bronzefiguren erinnern noch an die vergangenen Zeiten.L1057946

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Weißes Beijing

Es kommt nur selten vor, und viel kommt nicht vom Himmel, doch heute nacht hat es geschneit. Die Welt wirkt dann ja immer besonders friedlich. Die Autos fahren extrem langsam, schließlich gibt es keine Winterreifen. In der Schule reicht es sogar für ein paar Schneeballschlachten.X1000481a

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Pano_Beijing Schnee

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In Teheran war es ähnlich: wenn es regnet oder schneit, bricht alles zusammen. An solchen Tagen wünscht man sich, man habe keinen Flug für heute gebucht. An Tagen wie diesen kann man auch mit einem Auto, das Odyssey heißt, nicht schlechter zum Ziel kommen.X1000491

Abflüsse kommen mit den Wassermassen nicht zurecht; da die Straßenfeger kaum Papierschnipsel finden, kümmern sie sich um das Schieben von Wasser bis zum nächsten Gully, der etwas höher als auf Straßenniveau liegt.X1000485

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Feuerwerk

Noch immer sind die Stände von Panda Fireworks aufgebaut und bis spät in die Nacht kann man Batterien von Knallern kaufen – zu aberwitzigen Preisen. Ein Karton mit einem schönen kleinen Feuerwerk von gut einer Minute Länge kostet über 1000 Kuai – über 120 €. Gegenüber letztem Jahr wird wohl nicht so viel geböllert; wie ich gehört habe, ist von Staats wegen das verfügbare Kontingent auf die Hälfte reduziert worden. L1057798

Schön anzuschauen ist es ja schon. Nach fünf Tagen relativer Ruhe ist heute nach „Silvester“ der aktivste Abend. Von unserem Dach aus haben wir den besten Überblick.X1000399 X1000400

Neujahr 2014 die Zweite

Wir haben uns vorgenommen, jedes Neujahrsfest mitzunehmen, das sich bietet. Das christianisierte Neujahr hatten wir ja nun in Vietnam noch erlebt. Jetzt ist das in China dran. Und in zwei Monaten kommt dann noch das persische Nowruz. Sonst noch eins? Maya-Kalender? Aboriginalzeitrechnung?? Wir machen alles mit, wenn´s Spaß macht.L1057760

Wir haben unsere Wünsche im Dongyue-Tempel in der Chaoyangmen-Straße aufgeschrieben und wie alle anderen an die Geländer gehängt. Im Dongyue-Tempel ist das Beijing Folk Custom Museum untergebracht. Auf der Tafel vor dem Eingang steht es genau: „The Beijing Folk custom Museum is the only Folk Custom Museum in Beijing that can hold national exhibitions focusing on folk custom.“ Aha. Ein Markt für Kunsthandwerk reizt zum Geldausgeben an.L1057717

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Rote Unterhosen und Strümpfe sieht man zwar nicht,  ist aber ein Muss.X1000308

Zur Beruhigung der Augenrezeptoren mal ein Bild ohne ROT:L1057726