Okt 242008
 


Wir sind aus Esfahan zurück. Der erste Urlaub über 4 Nächte in unserer neuen Heimat. Per Nachtzug ging es hin und ebenfalls zurück.
„Erste Klasse“, worin sie sich von der 2. unterschied , weiß ich nicht. Die Fahrt kostete hin und zurück 43.000 Toman, etwa 33 Euro. Der Zug ist mit 8 Stunden für 400 km kein Intercity, aber wir kamen wenigstens halbwegs ausgeruht an. Esfahan ist ein himmelweiter Unterschied zu Tehran. Die Luft sauber, die Häuser niedrig und weitgehend gut erhalten, kaum Müll auf den Straßen und in den Djubs. Und es gibt einen Fluss! und Brücken, die Venedig kaum schöner hat.


Die Straßen um die großen Sehenswürdigkeiten sind mit Reisegruppen aus Rentnern voll. Aber die Sehenswürdigkeiten haben es in sich. Am meisten hat es uns der Platz angetan, in dessen Reichweite von 100 m unser Hotel lag.

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Nicht mal der Heider Marktplatz kann da mithalten. Der alte Name lautet Naghsh-e Jahan, was „Bauplan der Welt“ bedeutet. Es soll nach dem Tiananmenplatz in Beijing der größte Platz der Welt sein.

An einem der Urlaubstage waren die Vermessungsingenieursstudentinnen mit Geodäten am Werk, obwohl vorher schon jemand rausgefunden hatte, dass er 512 m lang und 160 m breit ist.

Die noch erhaltenen „Taxi´s“ aus Vorölzeiten werden von neuen 4-beinigen Motoren zur Belustigung der Touristen um den Platz bewegt.

Auch diesen Platz, der zum Weltkulturerbe der Unesco gehört, umgeben offene Djubs, die zur Zeit trocken liegen. Zum Glück, denn beim Spiel im Dunkeln fiel Jan Ingmar prompt so hinein, dass wir dachten, er wäre ein Stockwerk tiefer gelandet. Er hatte einen Riesenschutzengel, denn es hätte gut die Nase oder oder die Schädeldecke beschädigt sein können, so war es nur sein Gemüt. Im Gegenteil, es hat ihm nicht geschadet, denn seit dem Tag kann er Fingerschnipsen.

Von irgendeinem französischen Dichter wurde Esfahan als die „Hälfte der Welt“ bezeichnet. Allein wenn man den Platz und die umgebenden Bauten sieht, kann man nachvollziehen, dass es mal stimmen musste. Heute scheint diese Bezeichnung der Präsident von Iran für sein Land zu beanspruchen, so wie er manchmal auftritt.
Alle, mit denen wir gesprochen haben, hoffen, dass es einen Regierungswechsel geben wird. Leider dürfte diese Auswahl nicht repräsentativ gewesen sein.

Die Moscheeen von Esfahan sind grandios, mit Kacheln innen und außen über und über bedeckt. Allein die Imam-Masdjad soll 650.000 Kacheln haben. Und etliche sind nur für einen einzigen möglichen Platz am Gemäuer hergestellt worden.

Der Bazaar ist der absolute Hammer, er geht mehrere Kilometer vom Platz zur über tausendjährigen Freitagsmoschee, immer unter Kuppelgewölben; wie ich es mir in TausendundeinerNacht vorgestellt habe.

All diese schönen Erlebnisse wären nicht halb so schön gewesen, wenn Mohsen, der uns/den wir per eMail kontaktiert hatten, nicht schon bei der Hotelsuche behilflich gewesen wäre, geschweige denn als Begleiter geduldig allen Blödsinn mitgemacht hätte. Er brachte uns auch auf den Ateshgah, ein Bergfort, das der Beherbergung des Ewigen Feuers der Zarathustrier diente. Mit Einführung des Islam wurde der Tempel nicht mehr gebraucht.


Auf das Betreiben von M., der in Esfahan Germanistik studiert hat und jetzt promovieren will, kam auch ein Referat von Steffi über Theodor Storm zustande, zwar aus ihren Studienzeiten noch, aber da die Iraner so abgeschottet sind, ist jede Information von außen gern gehört. Etwas merkwürdig war es schon, ein Referat über einen atheistischen Norddeutschen in Iran vor Hejab-tragenden Frauen zu hören.
Und M. machte auch ein Treffen mit Frauen möglich, die sich u.a. für Kinderliteratur stark machen, ausländische Bücher übersetzen und den schweren Gang durch die Behörden antreten, um diese Bücher veröffentlichen zu können. Komisch, raubkopierte CD´s und Filme gibt es in jedem Computerladen, aber Bücher sind dann doch brisanter. Die Verlage machen es nicht mit, verbotene Literatur zu veröffentlichen, aus Angst, gar nichts mehr herausgeben zu können.





Unsere Kinder wurden alle Naselang fotografiert, wobei der Annäherungsversuch unterschiedlich ausfiel: von höflichem Fragen, ob man die Kinder mal fotografieren dürfe über das über-sie-herfallen und in-den-Arm-nehmen-und-küssen bis zu das-fliehende-Kind-beim-Arm-packen-und-in-Richtung-Kameraziel zerren. Die Handmuskelkontraktion ließ nur durch den Blick auf die in vielen Ärgerfalten gefurchte Stirnen der Eltern nach.
Erst hab ich gedacht, ist doch nett, lass sie machen, aber irgendwann hab ich JanIngmar und Solveigh beigebracht, die Hand aufzuhalten und Sad Toman! – Hundert Toman! zu sagen. Dann waren die Fotografen wenigstens einige Sekunden verblüfft.
Nein, in Teheran haben wir so was nie erlebt. Wenn wir nur berühmt und begehrt wären, weil wir so großartige Menschen sind; aber nein, die Haarfarbe unserer Kinder macht uns mehr als beliebt. Nach dem Klick auf den Auslöser lässt die Liebe allerdings schlagartig nach.
Manche Manöver gingen so schnell, dass ich nicht mehr rechtzeitig meinerseits den Apparat zücken konnte.

Es gibt noch viel mehr zu berichten, aber wir schicken lieber noch mehr Häppchen. Und da wir noch lange nicht alles dort gesehen haben, fahren wir mal wieder hin, wenn die Kinder sich sicher mit Nakon! oder Velam Kon! – Lass das! gegen die Attacken wehren können.

[Jochen]

 24. Oktober 2008  Add comments

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muss sein

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