Einschulung, Autobazaar und Vollkommenheit

Jetzt ist es schon ein Jahr her, dass JanIngmar und Solveigh eingeschult wurden (ging dies Jahr vielleicht schnell rum!); diesmal waren sie diejenigen, die das Programm für die zukünftigen Erstklässler mitbestritten. Solveigh wartet hier mit ihrer Ansage darauf, dass endlich alle still sind.

Mit 19 Kindern ist die erste Klasse die größte an der Schule, Solveighs und JanIngmars Klasse hat 10 Kinder, die vierte hat 8 Kinder und hier sieht man die Aufführung der dritten.
Ich war 2 Tage vorher mit 2 Bekannten in der Innenstadt, tagsüber, weil der Vergaser unseres Autos Probleme machte. Dorthin darf man aber nur mit einer Umwelt-Plakette, die unser Auto leider nicht hat. So fuhr ich auf der Spur, wo an der „Grenze“ grad kein Polizist stand. Babak hinter mir sagte die ganze Zeit: „Don´t stop, gaz bedeh!“ Ums Aufschreiben kamen wir damit trotzdem nicht rum, das ist dann unser erstes Ticket, was wohl 20 € kosten wird. Während die Dichtungen des Vergasers gewechselt wurden, konnte ich dann den ganzen Nachmittag auf dem Großen Bazaar für Autoteile verbringen.
Meine Begleiter schätzten, dass vielleicht 10% bei Ramazan mitmachen, wir gingen mittags ins Hotel, wo es sogar Kabab zum Mitnehmen oder auch Dortessen gab.
Die Straßen sind so dermaßen voll, man kann den ganzen Tag dort stehen und dem Treiben zuschauen, nie wird es mir langweilig, abgesehen davon, dass dauernd jemand kommt, um mir die Hand zu schütteln, zu fragen, woher ich komme, meine spärlichen Sprachkenntnisse zu loben (haha) und ein paar Brocken Englisch oder Deutsch loszuwerden.
Noch ein paar iranische Merkwürdigkeiten zum Schluss:
Dies ist nicht in der Stadt, sondern aus dem Norden (Tajrish). Und hier sind Blumenbeetübergänge für Fußgänger abgeladen worden, die nicht ganz passten – egal!
So sieht das Ende einer Kondensatleitung für die Klimaanlagen oft aus. Man wusste ja bei der Planung noch nicht, dass hier Wasser anfällt.
Auch bei diesem Neubau war wohl noch nicht klar, dass es drinnen mal heiß werden würde…Aber es ist auch nicht überall so wie bei diesen Beispielen – oft genug staunen wir über die Geschicklichkeit der Handwerker. Aber es hat fast nie den Eindruck des Perfekten. Ist aber auch etwas gewollt: In die Teppiche z.B., für die die Perser ja berühmt sind, werden absichtlich Fehler eingearbeitet – damit soll signalisiert werden, dass nur Gott zur Vollkommenheit fähig ist.

Wer hilft? Meistens keiner.

Gestern ging ich die Hauptstraße Richtung Shari´ati hinunter, weil ich in unserer neuen Wohnung die Lackierung des Parketts aussuchen sollte und dafür ein Taxi dorthin brauchte. Ich sah einen Mann am Kantstein des Bürgersteiges oder was man dafür halten soll auf dem Boden hocken, mit einem Bündel Klamotten zwischen seinen Beinen und einer Packung Nitroglycerin darauf.

Nein, kein Terrorist, ein Kranker.
Alle Passanten gingen vorbei, obwohl er hilfesuchende Gesten machte. Ich fragte ihn, ob ich helfen könne, aber er konnte nicht sprechen, hielt sich nur die Brust. Aber er bedeutete mir, vom Kantstein wegzuwollen zum fünf Schritte entfernten Hauseingang. Von den Nitro-Kapseln aus der Blisterpackung hätte er schon genommen. Ich half ihm hoch, was nicht ganz einfach war, trotzdem hielt keiner an, um ebenfalls behilflich zu sein. Der Hauseingang führte zu einer Apotheke. Dort setzte ich ihn auf einer Treppenstufe ab, ging rein, um um Hilfe zu fragen. Die Frau hinterm Tresen sagte nur, sie sei kein Arzt. Ob sie jemanden anrufen könnte? – Gegenüber im Hauseingang sei eine Arztpraxis. Ich hin, aber es machte keiner auf. – In der Zwischenzeit hatte sich mein Schützling soweit berappelt, dass er mir bedeuten konnte, Wasser zu wollen. Das konnte die Apothekerin denn wenigstens besorgen. Ich blieb noch eine kleine Weile, bis der Angina-Pectoris-Anfall offensichtlich besser war, hörte mir noch an, dass er aus einer anderen Stadt käme, und kein Geld habe. Schließlich machte ich mich auf den Weg zu unserem Haus, nachdem ich ihm noch 5.000 Tuman in die Hand gedrückt hatte.
Hier muss jeder für sich selbst sorgen, wenn er keine Familie hat, die ihn auffängt.
Ich erinnere auch eine Situation, die vor knapp einem Jahr war, als ich noch die Stadt erkundend durch die Straßen lief: Da stolperte eine ältere Tschadori-Frau über einen zu lang abgekniffenen Metallhaken im Asfalt, schlug lang wie ein Brett hin, trug einige Schürfwunden davon und schlug sich die Schneidezähne kaputt. Ein paar Stückchen fand ich noch auf dem Gehsteig. Ich war sofort zur Stelle, um ihr aufzuhelfen, aber ich merkte, dass sie das eigentlich nicht wollte. Schließlich war ich ein Mann, der sie gar nicht berühren darf. Eine Passantin nahm sich ihrer dann an.
So ähnlich sah ich mal, das eine ältere Frau zwischen Autos auf der Straße stolperte und Mühe hatte, wieder hochzukommen. Die Männer, die daneben standen, taten nichts ausser ihre Sachen bereitzuhalten, bis sie sich wieder berappelt hatte.
Steffi sagte, die selbstlose Hilfe ist im Islam einfach nicht angelegt, und trotzdem fühlen sich immer alle schuldig. Aber ganz so stimmt das nicht, die Gabe von Almosen gehört schon dazu. Aber vieles geschieht eben, und es gibt kein Entrinnen.
Erklären würde dies Verhalten, dass man für den, dem man hilft, verantwortlich ist und schließlich für die Krankenhausrechnung und mehr aufkommen muss. Aber das ist nicht verbrieft.
Manchmal sehen wir im Stau Krankenwagen, die auf dem Weg zu einem Krankenhaus sind. Weil es keine Rettungsgasse gibt (alle fahren so dicht auf, wie es geht, damit ja keiner einem den Platz wegnimmt), steht der Rettungswagen ungeachtet des Blaulichts und Martinshorns so lange, bis wieder Bewegung in die Schlange gekommen ist, und etwas Platz zum Durchkommen geschaffen wurde.
Ich fragte in so einer Situation Freund Reza einmal, was denn mit den Kranken sei, die wirklich dringende Hilfe bräuchten. – Lapidare Antwort: Der muss dann sterben, Gott hat es so bestimmt. Und es gibt so viele Menschen hier…
Da hat er ja nun auch wieder Recht.

Ramazan

Seit gestern sind wir tatsächlich schon ein Jahr in diesem Land. Und worüber schreibe ich jetzt? Wir kennen doch schon alles.
Aber jetzt ist Ramazan, was der islamische Fastenmonat ist. Nee, kein Druckfehler, hier heißt es nicht Ramadan. Es bedeutet, dass von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang keiner, der nicht Kleinkind, schwanger, menstruierend, krank oder auf einer Reise, die weiter geht als 40 km (sicher auch ´ne Regel aus Vor-Automobil-Zeiten), also dass so jemand, der das nicht ist, auch den ganzen Tag nicht essen darf. Letztes Jahr begann der Fastenmonat Anfang September – jedes Jahr ist er, da er nach dem islamischen Kalender berechnet wird, 11 Tage früher. Was jetzt misslich ist, da er Jahr für Jahr immer weiter in den Sommer fällt. Und es ist schon warm!
Ach ja, vergessen: Rauchen darf man auch nicht. Ich glaub, Sex ist auch verboten. Und TRINKEN sowieso. Und wie die Leute das ohne Flüssigkeit den Tag über aushalten, weiss ich nicht.
Am ersten Tag des Ramazan war ich auf dem Nachhauseweg über den Bazaar von Tajrish gegangen und ich hatte etwas Hunger, also kaufte ich mir eine Piroschki, so´n Fettgebackenes mit Fleischfüllung, kriegte es in einer kleinen Plastiktüte gleich mit Ketchup in der Tube. Ich hatte plötzlich richtig Hunger, also schnabulierte ich das im Gehen weg.
Als ich abends mit unseren Nachbarn sprach, fiel es mir ein, dass ja keiner in der Öffentlichkeit essen darf und dass ich das ja auch nicht durfte und verstand jetzt auch die verständnislosen Blicke der Passanten.
Amin erzählte, ich solle das doch in Zukunft lieber lassen. Ob mir was passieren könnte? Naja, die Polizei könnte mich schon mit zur Wache nehmen und etwas länger befragen. Aber als Xareji=Ausländer würde ich nicht eingesperrt werden.
Hat aber gut geschmeckt.
Es ist wie mit den Kopftüchern, alle Frauen müssen die Dinger tragen, wenn sie älter als 9 sind; jeder muss fasten, jedenfalls in der Öffentlichkeit. Hier ist wieder mal die Zweigesichtigkeit der Perser zu beobachten: zu Hause machen sie, was sie wollen…
Blöd ist, dass man natürlich auch kein Essen tagsüber im Deliveryservice bekommt. Da muss man sich sein Butterbrot mittags eben selber schmieren.
Aber wenn es gegen Sonnenuntergang geht, dann sind alle geschäftig unterwegs, um für das nächtliche Festmal einzukaufen, und der Geruch der metabolischen Azidose ist überall zu riechen.
Fastenspeise (süßer Pudding) wird aus großen Töpfen in Plastikeimern verkauft, leckere süße und saure Früchte gibt es überall. Und spezielle Backspeisen, die es sonst nicht zu kaufen gibt.
Als ich anschließend im Bus saß, saß eine Frau, die vielleicht die Mutter des neben ihr sitzenden jungen Mannes war, im vorderen Teil des Busses. (Frauen sind immer hinten, Männer immer vor der Mitteltür. Das ist bloß andersrum, wenn der Busfahrer eine Busfahrerin ist. Im Taxi sitzen alle, wie sie wollen, und getrennte Fahrstühle hab ich auch noch nicht gesehen…)
Und als der Busfahrer losfahren wollte, entdeckte er SIE! Er laberte so lange, bis sie sich nach hinten setzte. Und ich dachte, dass die Sache mit den Frauen in Ahmadi-Nejads Regierung, welche die Mullahs nicht dulden wollen, bloß so eine Obere-Ebene-Diskussion wäre. Man kann nur hoffen, dass Chamenei sich nicht dazu äußert, dann wird es wohl stillschweigend hingenommen. Als Frau hat Mann es bisher noch nicht so besonders gut hier.

Die noch nicht reifen Granatäpfel sind aus unserem zukünftigen Garten, die sauren Namenhabichvergessen werden mit Salz gegessen, und die crepeartigen Dinger mit dem Überzug wie ein Wundverband sind mit Zimt und Mandelsplitter gefüllt.Die Jungs sind von der Metro-Baustelle, kurz vor Sonnenuntergang, die Kollegen sind wohl gleich mit Kochen fertig, das Brot wird grade rangeschleppt, und dann wird gefeiert.
Und ich leg mich jetzt auch auf mein rotes Sofa. Oder setz mich mit meinen Freunden und der Familie auf die Straße und speise unser Festmahl.

Verstand? Fehlanzeige. Aber Glück!

Seit wir in Iran zurück sind, suchen wir eine neue Wohnung für uns, weil wir in unserem Eckhaus ohne Garten und an einer Hauptstraße gelegen nicht glücklich waren. Diverse Makler haben wir in den letzten Tagen gesehen und gesprochen, meist auf Englisch. Und haben die Vorstellung, wie wir zu leben zu haben, in deren Köpfen geradezurücken versucht.
Gestern hatten wir einen dabei, der KEIN Englisch spricht, und auch da klappte es recht gut, klarzumachen, was wir uns wünschen. Immerhin zeigte er uns heute morgen das Beste, was wir während unsrer Suche überhaupt gesehen hatten.Und dann rief uns der Vater eines von Steffi´s Schulkindern an: wir hätten doch vor 2 Monaten mal darüber gesprochen, dass wir eine Wohnung suchen würden. Ob das denn noch der Fall sei? Sein Schwiegervater hätte jetzt eine Wohnung zu vermieten. Wann wir uns treffen können? Heut nachmittag wäre gut.
Und das ist ein Foto von der Rückseite. Wir werden den linken breiteren Teil im Obergeschoss bewohnen, können aber den Garten nutzen (Granatapfel- und Feigenbäume, Weintrauben, Rosmarin) und es hat einen Pool!

Es hat ca. 210 qm mit 3 Schlafzimmern, einem Vollbad, einem Duschbad und Gäste-WC, ein sog. Seat, wo man nichtrepräsentativ sitzen und rumlümmeln darf, ne große Küche und ein Riesenwohnzimmer. Ungewöhnlich für persische Wohnungen: Parkettboden in allen Wohnräumen. Und bevor wir einziehen, soll alles noch gemalt und eine neue Küche eingebaut werden.
Das einzige Blöde ist, dass die Kinder nicht mehr zur Schule gehen können.
Ach, hätten wir nur etwas Sekt zum Anstoßen…

Pause vorbei

Nach 4 Wochen, die wir in unserem eigenen Haus in D verbrachten, sind wir jetzt schon wieder ein paar Tage in THR. Schön war es schon.
5 Stunden Flug direkt von HH nach Tehran, und als wir um 22:00 das Flugzeug verließen, empfingen uns angenehme 33° C (bei max 15% Luftfeuchtigkeit) und das übliche Gewirr von Menschen und Maschinen. Wir freuten uns direkt, als wir um ca. 23:00 wieder einen Motorradfahrer mit Frau aufm Sozius und 3jähriger Tochter auf dem Tank an uns vorbeirasen sahen.

Wir hatten in der Schule darum gebeten, von einem Schulbus abgeholt zu werden. Unser Gepäck betrug nämlich fast 11 Fullsize-Koffer mit einem Gesamtgewicht von 182 kg (plus Handgepäck).
Was drinnen war, möchtet ihr wissen? Ihr Naseweis, ihr … Na, das kommt später im Jahr.
Aber einiges von dem, was es hier nicht oder nur selten gibt, wird verraten:
Haferflocken 5 Kilo (Es gibt nur Gersten- und Weizenflocken)
10 x Shampoo für BLONDES Haar,
6 x Nusspli, (es gibt zwar Nutella, aber das kostet 4 €/Miniglas)
Lakritze div. Sortierungen und WEINgummi
und na klar Mettwurst und Schinken und andere SCHWEINereien.
Und deutsche Bücher, vor allem für die Kinder und die Schule. Amazon liefert nämlich nicht in den Iran.
Mit den Dingen, die man hier nicht oder nur schwer bekommt, ist es natürlich wie mit allen Mangelwaren – sie sind teuer. Wein wie von Aldi für 1,59 € gibt es hier auch. Man ruft einen armenischen Christen an, der für die Religionsausübung Alkohol besitzen und konsumieren darf. Der kommt mit ner großen Tüte ins Haus und verkauft einem besagte Flasche für etwa 15-20 €. Da kann man für wenig mehr auch gleich harte Sachen bestellen. Die Gefahr für den Hehler ist nämlich gleich groß, Alkohol ist eben Alkohol, egal wieviel Umdrehungen er hat.
Kleine Geschichte von einer Bekannten: Sie fragte in ihrem kleinen Supermarkt ein paar mal, ob der Verkäufer ihr nicht mal etwas Alkohol besorgen könnte. Neinnein, das ginge nicht, da käme er nicht ran. Aber irgendwann – wars Freundlichkeit, Profitgier oder plötzliches Zutrauen zum regelmäßigen Kunden, wollte er doch was beschaffen. Bei den nächsten Einkäufen war er jedoch nicht da.
Und als er nach ein paar Wochen wieder da war, fragte sie ihn, wo er denn gewesen wäre. Tja, beim Versuch diese begehrte Flüssigkeit zu besorgen, fiel er der Polizei in die Hände und wurde weggesperrt. Ich glaub, sie hat ihn nicht noch mal gefragt…
Und wir halten uns damit auch zurück. Natürlich auch mit allen anderen Drogen, die einem auch schon mal auf der Straße angeboten werden.
Aber wenn man hier über das nötige Kleingeld verfügt, muss man buchstäblich auf nichts verzichten.
Für unsere Religionsausübung werden wir mit der Weinproduktion indes bald beginnen. Wir haben nämlich zwei 25-Liter Ballons geschenkt bekommen. Und aus D Weinhefe mitgebracht.
Ich will hier mal ein bisschen belehren, weil viele Fragen zu Hause kamen, die mir so selbstverständlich sind, dass ich darüber gar nicht berichtet habe:
Geld kann man natürlich auf der Bank abheben und einzahlen. Wir haben aber gar kein Konto hier, weil Steffi ihr Geld direkt in bar bekommt und ein Teil direkt nach D überwiesen wird. Aber ec-Karten oder gar Visa oder MasterCard – nutzloses Zeug. Iran ist eine Insel.
Eine Mehrwertsteuer von 3 % wird gerade diskutiert, na jetzt vielleicht ausgerechnet nicht mehr, weil es momentan andere Probleme gibt. Aber ausländische Autos kosten nahezu das Doppelte wie in Deutschland, wegen Einfuhrzöllen und Luxusabgaben. Für einen neuen Landcruiser muss man etwa 140 Millionen Toman berappen – wenig mehr als 100.000 €. So begegnen einem auch mal Mercedes und Co, von dem die Mitreisenden erzählen, dies oder jenes Modell koste 250.000€. Bei solchen Preisen verwundert es nicht, dass Luxuswagen auch noch teuer aufgepeppt werden – es ist fast wie beim Wein-Schnaps-Unterschied, wenn´s eh schon egal ist…
Aber wir wohnen mitten unter ganz normalen Iranern, soweit man sie als normal bezeichnen kann, wenn sie sich eine Wohnung leisten können, die 2000€ monatlich kostet.
Die meisten Dinge hier kosten allerdings etwas weniger als in D, wenngleich die Supermärkte in D ungeschlagen billig sind. Benzin kostet uns zur Zeit noch umgerechnet 8 Cent pro Liter, Bananen etwa einen €, Brot soviel wie 5 Brötchen 35 Cent. Milch 60 Cent. Aber 2.-Wahl Pfirsiche oder Äpfel können schon mal 3 € kosten, wofür ich in der Saison in D 99 Cent bezahle.
Natürlich trägt Steffi draußen IMMER ein Kopftuch. Auf dem Schulgelände kann sie es abnehmen, da dort exterritoriales Gebiet ist. Die Kinder reisen quasi jeden Schultag aus.
Anfangs hat sie den Hejab mal vergessen, aber sie kam nie weit. Nicht, dass jemand sie angesprochen wurde, die Gesichter selbst von kleinen Jungen waren so entgeistert, dass sie schnurstracks wieder umkehrte.

Alamut

Die Rufe von den Dächern kommen noch immer, aber sie sind weniger geworden. Es scheint, als ob die Proteste niedergeknüppelt worden wären.
Die Probleme hier muss die Bevölkerung ohne unsere Hilfe bewältigen, und wir erkunden ein wenig dieses schöne Land.
In den letztenTagen waren wir 2 und einen halben Tag auf einer Safari etwa 250 km von THR entfernt. Es war wunderschön und sehr anstrengend, weil wir erst um 1 Uhr nachts wieder zurückkamen, und Steffi mit den Kindern um halb sechs am Flughafen sein mussten – Sommerurlaub in D.
Aber vor Hassans ital. Eisdiele hatten wir noch Ideen fürs Leben:
Erklärtes Ziel unserer Reise war Fort Alamut. Der Weg dorthin ist sehr abwechslungsreich, Serpentinen führen einen von einem Tal zum nächsten. Und so grün haben wir Iran noch nicht gesehen. Hier die ersten Reisfelder, an denen wir vorbeikamen.Es ist eine Festung aus vergangenen Zeiten in knapp 3000 m Höhe, die uneinnehmbar schien, bis um die vorletzte Jahrtausendwende die Mongolen kamen und sie eroberten. Ich frage mich warum, denn es ist ein relativ kleiner Felsen, der allerdings in atemberaubender Gegend liegt. Oben sind Ställe und Wohnräume zu erklettern, und die Zisternen und Vorratskammern sollen für 17 Jahre Belagerung ausgereicht haben.
Man kann sich von Eseln für teures Geld nach halbhoch bringen lassen, was die Kinder sehr genossen.
Hier ist unsere illustre Gruppe von 7, zeitweise 8 Geländewagen und 2 Motorrädern zu sehen, eine heterogene Mischung unterschiedlichster Altersstufen und Nationalitäten (Iraner, Schweizer, Franzosen, Deutsche). Zählen lasst sich sowas ja schlecht, weil ständig irgendwer sich bewegt, aber einmal haben wir 31 Personen ausgemacht.
Der erste Platz zum Übernachten liegt an einem See mit Badestelle, wobei die Frauen nur dabeistanden und neidisch kuckten. (Sie hätten mit Tschador bekleidet etwas weiter hinten durchaus ins Wasser gehen können.) Steffi sagt immer, Iran ist ein Männerland, und ich muss ihr recht geben. Kinder kommen aber auch auf ihre Kosten.
Der zweite Zeltplatz war auf einem Hochplateau, das man über den schroffen Berghängen, die wir passierten, nicht vermutet hätte. Und die Kulisse! Auf 2700 m Höhe mit Blick auf die 4700 m hohen Berge.Denkt bloß nicht, wir wären dort allein gewesen, dauernd kamen irgendwelche Schäfer mit ihren Herden vorbei oder Frauen mit Kindern. Das Einheitsschwarz, das wir aus THR oder anderen Städten kennen, wird hier wenig getragen.Einer von uns hatte einen Paraglidingschirm dabei, der bei Alamut erfolgreich zum Einsatz kam. Runter auf die Wiese ging es einen steilen 4×4-Trail,zurück blieb wieder mal einer im Matsch stecken, was sofort den Ergeiz der Führungsriege hervorrief und alles Equipment endlich wieder benutzt werden konnte.Man sieht, auch ausweglose Situationen können Spaß machen.Wir waren heilfroh, dass unsere alte Kiste diesmal ohne Probleme durchgehalten hat und selbst das Anhalten im Sumpf kein Steckenbleiben zur Folge hatte.
Schön wars! – Xeili xosh gozasht!
Und endlich haben wir mal ein Bild von 5 Personen auf dem Motorrad machen können!

Circus

Die letzte große Aktion, die in der Schule stattfand, waren 3 Vorstellungen des Ersten Kinderzirkus in Iran, der sich aus 28 AG-Kindern aus der Grundschule rekrutierte. Seit Oktober wurde Jonglieren, Zaubern, Feuerspucken, Einradfahren geübt, Kostüme angefertigt, Clownsnummern einstudiert und zu guter Letzt ein Circus-Zelt angefertigt, alles auf Betreiben von unserer guten Freundin Annette, die auch 3 Kinder an der Schule hat.
Was für ein verrücktes Vorhaben, auf das alle Beteiligten sehr stolz sein können. Vor allem die Kinder sind selbstsicherer geworden.

Zu jedem Circus gehört auch eine Tiershow, diese bestand allerdings nur aus einem Tier, nämlich aus Lori, der Eselin, die extra aus dem THRer Vorort angekarrt wurde. Sie durfte 3 Tage auf dem Gelände der Englischen Residenz, wo auch die Dt. Schule untergebracht ist, wohnen.

Wir hatten tierisches Glück, dass es am Wochenende der Wahl war, weil seitdem alle Aktivitäten der Freude aus Pietätsgründen abgesagt sind, oder vom Iran. Außenministerium nicht zugelassen werden. Dann verweigern die Guards vor der Schultür allen dunkelhäutigen Menschen den Zutritt zum Gelände. So gibt es dieses Jahr wohl kein Sommerfest.

Es kamen schon Anfragen, ob wir als Wanderzirkus durch Iran ziehen würden.. Wer weiß?

 

Allah-u-Akbar

Da stehen sie, auf den Dächern und singen jeden Abend eine halbe Stunde lang „Gott ist Groß“.
Seit wir mitkriegten, dass in unserm Haus auch viele Junge wie Alte oben sind, gehen wir auch hoch, um zu schauen und gutes Gelingen zu wünschen. Und heute haben wir mal mitgeschrien.
Ach wenn es doch nur gut ausgehen könnte.

Auch aus unserm Haus wollen welche zur Demo morgen, obwohl es nach der Freitagspredigt vom obersten Führer klar zu sein scheint, dass es kein Spaziergang wird.
„in völliger Ruhe“

Dies Bild ist noch von der ersten Demo am Freitag, die noch als genehmigte Veranstaltung vom Enqelab-Platz bis zum Azadi(=Freiheit)monument ging. Eine bis eineinhalb Mio. Teilnehmer.

Spannung in der Luft

Die Wahl ist ja nun gewesen, den rechten Ausgang hat es irgendwie nicht genommen. Mit wem man auch spricht, alle sind unzufrieden. So können die Unruhen noch lange gehen..

Aber macht euch keine Sorgen um uns. Soweit ist also alles in Ordnung. Arbeit und Schule finden geregelt statt, entschieden wird aber jeden Tag neu darüber.Wir sind von den Unruhen nicht direkt betroffen. Unsere Gegend ist kein belebter Treffpunkt, und alles an Unruhen findet an anderen Orten statt.

Am Tag sind wir in der Schule und bekommen sowieso nichts mit. Der Weg nach Hause führt uns nur durch kleine und noch kleinere Straßen, auf denen sich sowieso nur Anwohner bewegen. Ansonsten hören und lesen wir nur, was in der Stadt los ist, bekommen davon aber nichts direkt mit. Die einzige Sache, die wir selbst erlebt haben, war gestern Abend. Um 21.15 Uhr ging aus den Fenstern von den Dächern und aus den Hauseingängen ein lautes Gerufe „Allahu akbar“ (Gott ist groß) los. Es war wie ein Rufen und Antworten und war – wie ich heute erfahren habe – verabredet von Musawi-Anhängern, um ihrer Ohnmacht eine Stimme zu geben. Uns hat es sehr irritiert, weil wir nicht wussten, was los war. Es blieb bei uns alles friedlich. Das war nicht überall so, aber die Berichterstattung aus Teheran ist – wie ich das so mitbekomme – ganz aktuell und kritisch. Es sind etliche ausländische Berichterstatter in der Stadt. So werden diese ganzen Schweinereien wie von der Polizei angezündete Fahrzeuge usw. einfach gefilmt und verbreitet. Wir bewundern die jungen Leute für ihren Mut, fragen uns aber auch, zu welchem Erfolg das führen wird.

Die Kinder bekommen einiges davon mit, und wir haben viel zu erklären. Natürlich wird in der Schule viel geredet. Viele Kinder wohnen an exponierten Plätzen, sodass sie vom Dach, Balkon oder aus dem Fenster einiges sehen. Die größeren sind zum Teil auch auf der Straße. Da wird viel erzählt. Unsere Kinder wissen aber auch, dass diese Unruhen die Unruhen unserer Gastgeber sind, und wir uns da nicht einmischen dürfen. Also bleiben wir brav nach der Schule zu Hause, spielen, lesen, malen und richten es uns gemütlich ein.

Internet ist zeitweise so lahm, dass es eigentlich nicht funktioniert und SMS-Dienste sowie handy-Netze werden vorübergehend blockiert. So will die Staatsmacht die Kommunikation zwischen den Musawi-Anhängern stören. Das können sie natürlich nur vorübergehend, weil auch staatliche Stellen auf diese Dienste angewiesen sind.
[Steffi]

Bald ist Wahl

Allerorten ist es zu spüren: der Wahlkampf tobt. Es ist gar nicht mal so, dass viele Plakate aufgehängt werden. Aber zumindest die Straßen im nördlichen Teil der Stadt sind voll mit hupenden Autos, die mit Zetteln beklebt sind, die für den jeweiligen Kandidaten werben.
Als ich heute von der Arbeit nach Hause fuhr, ausnahmsweise mit dem Auto, waren die Straßen ungewöhnlich frei. Dann erfuhr ich, dass die jungen Leute eine Menschenschlange auf der Vali-e-Asr vom Tajrishplatz bis zum Bahnhof machen würden. Und die Straße ist 30 km lang…
Sie machen das als Demonstration für den Kandidaten, der farblich heraussticht, das ist Mir Hossein Musawi, der eine höchst wirkungsvolle Kampagne laufen hat: alles ist grün. Die Anhänger tragen grüne Armbänder, unterm Tschador lugen grüne Kopftücher hervor und die Antennen der Autos tragen grüne Fetzen.
Dabei ist Musawi noch nicht mal besonders fortschrittlich. Sonst wäre er wohl auch kaum zugelassen worden. Immerhin hat er eine Frau, die gut reden kann und das auch öffentlich tut, so dass er oft als Mann von Sahra Rahnaward beschrieben wurde.
Aber es ist ein bisschen wie kurz vor einer Revolution, oder wenigstens eine große Party, es gibt viel Hoffnung, dass alles besser wird. Schließlich haben die Meisten der Bevölkerung nur die Islamische Republik kennengelernt. Vor allem die Frauen hoffen auf Erleichterung, so dass man sich mit seinem Liebsten nicht nur in der Wildnis treffen kann. Und in der Stadt haben wir schon Frauen gesehen, die T-Shirt-kurze Blusen trugen.
Diese hier ist eigentlich auch schon so alt, dass sie das nicht mehr dürfte, aber es war nicht so voll an dem Platz, den wir am letzten Wochenende ausfindig gemacht haben. Nur 20 Minuten Fahrt von unserer Wohnung eine Schlucht mit einem rauschenden Bach, der von Bäumen gesäumt ist. Herrlich zum Picknicken und natürlich an Gom´e, dem pers. Sonntag, total voll. Deshalb sind wir 2 Tage darauf noch mal hingefahren. Beeindruckt hat uns schon allein dieses Mosaik, das am Eingang zur Schlucht steht.Im Hintergrund unsere glücklichen Kinder, im Vordergrund der Rest von meiner Geburtstagstorte.

Aus Tehran berichtete Jochen Utecht, ich gebe zurück ins Wahlstudio.

ungesuchte Wege finden