Feb 072010
 

Letztens war der 40. Tag nach Emam Hosseins Todestag, und da gern gefeiert wird (ob traurig oder fröhlich) tut man seinen Nachbarn zu solchen Anlässen was Gutes, wenn man es sich leisten kann. Steffi war mit den Kindern zu einem Krankenbesuch einer Kollegin, also konnte ich die Einladung eines Freundes, Nazri (so heisst das Zeug oben im Allgemeinen) zu verteilen, nur alleine annehmen. Im Speziellen heißt es Sholezard, und ist aus Reis und Safran und Rosenwasser und Zucker. Mandel-spppplitter und Cocos kommt als Schmuck obendrauf; aus Zimt werden die Namen von Heiligen draufgeschrieben (ya Ali, ya Hossein, ya Sahra… und Allah natürlich).
Der Pudding wurde von Maman gemacht, und alle Schälchen wurden in Hausarbeit gefüllt und verziert. Gewundert hat mich, was der Riesentopf gekostet hat: 120.000 T für 120 Portionen (knapp 90 €) fand ich nicht billig. Aber wahrscheinlich ist es wegen dem Safran, der hier auch Luxus ist.
Und während die Männer die Süßspeisen verteilen, machen die Frauen das Mittagessen für die ganze Familie. Adas Polo, Reis mit Linsen und Rosinen gab es. Es kamen etwa 30 Leute, und ich war echt gerührt, auch dabei sein zu dürfen. Was mich auch berührt, ist, dass die Mutter von A. mich inzwischen ihren Sohn nennt, obwohl sie schon 5 Töchter und 4 Söhne hat. (Übrigens zeigt die Mutter von A. hier nicht Victory, sondern dass sie 2.000 Tuman für eine bestimmte Zutat bezahlt hat.)Hier hatte sie mich gerade mit Esfand eingeräuchert, um die bösen Geister zu vertreiben. Normal mag ich es nicht. An der Kreuzung stehen manchmal alte Frauen oder Kinder, um einen gegen Geld geisterfrei zu machen. Da heißt es schnell die Scheibe hochkurbeln, sonst hat man Nebel im Fahrgastraum – und Myrrhe und Weihrauch ist es nicht gerade.

Am Tag danach waren wir mit etlichen anderen Ausländern und Einheimischen in Darbandsar zum Skilaufen. Es war wunderschön, Wermutstropfen war, dass sämtliche Kinder hinterher Scmerzen hatten. Mit den Mädchen musste ich heute zum Röntgen. Man ist ja doch vorsichtig (ausgerechnet jemand, der freiwillig nach Iran gegangen ist, muss das schreiben). Zum Glück war es nur eine Zerrung und ein Bluterguss im Ellbogen. Vielleicht hätten sie auch esfandiert werden müssen.

Also grad war ich in der Innenstadt, um ein neues Wörterbuch Persisch-Deutsch zu kaufen.
Ich ließ mir eines aus dem Regal geben, das ein wahrscheinlich unlizensierter Nachdruck einer von Duden herausgegebenen Ausgabe ist. Man kann sich immer nur wundern, was hier alles kopiert wird. CDs, Bücher, Filme, alles was geht.
Den Verkäufer fragte ich, wie viele Stichwörter denn in dem Buch seien, weil es außen nicht drauf stand. Und da sieht man doch, dass die Perser ein Bildungsvolk und noch dazu schlau wie Schlange sind: Er fing auf einer beliebigen Seite an zu zählen: yek, do, se, char, panj, shish….. Ich dachte schon, er wollte mich verarschen, da hatte er raus, wieviel auf einer Seite sind, schlug die letzte Seite auf, holte einen Taschenrechner raus und konnte eine halbe Minute nach meiner Frage das Ergebnis mitteilen: 29800.
Stimmt wahrscheinlich nicht aufs Wort, war aber erfrischend pragmatisch.
Jetzt lese ich darin ein wenig und möchte euch daran teilhaben lassen. Was nämlich schön ist, dass etliche Redewendungen drin sind, die die persische Seele gut beschreiben oder wenigstens die größten Probleme auflisten, mit denen man hier zu tun hat.

  1. „Wenn man wegen eines Vergehens einmal Abbitte geleistet hat, so muss man nicht noch einmal darauf zurückkommen, denn Auffrischung der Abbitte heißt Auffrischung des Vergehens.“
  2. „Wer mit eiserner Rute regiert, schafft Ordnung im Lande, gewinnt aber keine Freunde.“ (Ich glaub, die will Herr A. auch nicht)
  3. Es gibt auch einen Eintrag für „Minister ohne Geschäftsbereich“
  4. „Man hat herausgefunden, dass die Zollbeamten mit den Schmugglern gemeinsame Sache machten.“
  5. „Wenn man heute bei der falschen Partei ist, verliert man zwar nicht den Kopf, aber Nachteile bringt es schon.“ (leider ist dieser Satz nicht mehr wahr)
  6. „Als wir nach der Gasexplosion die Küche wieder betraten, wussten wir kaum mehr, was oben und unten war.“
  7. „Er hat damals das bessere Teil erwählt und ist nach Kanada gegangen. Seinen Brüdern geht es nach wie vor schlecht.“

Und dann ist da noch Taoruof, die Höflichkeitsformeln, die jedes Gespräch begleiten:

  1. Ghorbanet – ich bin dein Opfer. (sagt man meist beim Abschied)
  2. Mehman habibe xodast – Der Gast ist der Freund Gottes.
  3. Manzel-e xodetune – Es ist Ihr eigenes Haus.
  4. Cheshmhayetun ghashang mibinand – Ihre Augen sehen alles (in) schön(em Licht) (als Antwort auf ein Kompliment)
  5. Xasteh nabashid – Mögen Sie nicht müde werden! (wenn jemand eine Arbeit ausführt, die man in Anspruch nimmt)
  6. Ghabele nadare – Es ist Ihrer nicht wert, es ist nichts. (wenn man ein Geschenk übergibt, oder auch als Antwort auf die Frage, was eine Sache kostet)
  7. Xoda bad nadeh – Möge Gott nichts Böses bringen. (wenn man einen Kranken besucht)
  8. Mobarake – Möge es dir Segen bringen (als Glückwunsch, wenn man sich was neues gekauft hat, oder allgemein bei Festtagen – aber ja nicht, wenn der Todestag von irgendeinem Heiligen ist!)
und zum Schluss hab ich Straßenslang gelernt, bei deren Erwähnung bisher jedem das Lächeln ins Gesicht gezaubert wurde: Damet garm, daddash (oder obdji – Schwester) – Dein Atem sei warm, Bruder. (als Dank und Abschied)
Trotz allem können Perser auch ungemütlich werden, aber oft kommt es nicht offen vor, meistens „schneiden sie dem Feind mit Watte den Kopf ab“.

Das Problem mit den Iranern ist, glaube ich, dass sie immer gezwungen sind, zwei Gesichter zu tragen, weil sie drinnen ganz anders leben als sie in der Öffentlichkeit vorgeben. Dieser hat das zweite Gesicht unter den Skiern.

 7. Februar 2010  Add comments

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muss sein

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