Jan 242014
 

Als ich noch jung in Hamburg lebte, bin ich meistens recht aggressiv Rad gefahren und ich bin froh, dass ich trotzdem vorsichtig genug war, um keine Unfälle zu erleiden. Ich weiß nicht, ob die Autofahrer damals auch aggressiver waren oder weniger mit Radfahrern rechneten, jedenfalls habe ich mich weit weniger häufig mit ihnen angelegt, nachdem ich Familienvater wurde.

Ich hatte eine Zeitlang diese blauen Aufkleber bei mir, die so schwer ab.ge.hen, wenn sie auf der Windschutzscheibe oder einem Seitenspiegel kleben: „Parke nicht auf unseren Wegen!“ Und ich hatte viele Gelegenheiten, diese zu verteilen. Für den Fall, dass ich von einem aufgebrachten Falschparker und Verkehrsvergeher zur Rede gestellt werden würde, hatte ich mir schon eine Strategie überlegt: Fall auf die Knie und rufe „Preiset den König der Straße!“ Dazu kam es nie, nur einmal war ich kurz davor, als mir eine Dame im Chanel-Kostüm wutentbrannt zurief: „Geben Sie mir Ihre Karte!“ Ich wusste zunächst nicht mal, was sie meinte. Als ich verstand, hatte ich keine Visitenkarte. Ich stand nicht so hoch in der Rangfolge, dass ich eine gebraucht hätte.

Hier in Beijing würde ich auch gern manchmal anhalten, vor dem Autofahrer auf die Knie fallen und den King of the Road anbeten, aber ich habe mir überlegt, eine andere Strategie zu fahren.

Das Problem ist, dass es viele Radspuren gibt, die man nicht mit den Autofahrern teilen muss. So die Theorie. In Wirklichkeit parken auch hier viele Autos auf den Radwegen, diesen kann man aber leicht ausweichen. Wenn jedoch ein Autofahrer rechts abbiegen muss, fährt er einfach auf die Radspur und schaut erst im letzten Moment, ob jemand seinen Weg kreuzt. Wenn das der Fall ist, fährt er trotzdem langsam weiter, bis er entweder weiterfährt, weil der Rangniedrigere angehalten hat, oder er wird langsamer und lässt den Bizyklisten durchhuschen. Im letzten Moment wird er das Risiko nicht eingehen, jemanden ins Krankenhaus zu befördern, aber wer weiß das schon so genau? Diese Sichtweise des Verkehrs, wenn alle ähnlich denken, führt zu einer dynamischen Fahrweise mit einem ins sportlich gehenden Fließen. Wenn man so wie ich als Radfahrer so schnell ist wie die Autos, kann das auch viel Spaß machen. Der Verkehr ist meist nicht sehr schnell. – Man kann sich auch bei jedem, der einem die Vorfahrt nimmt, aufregen. Ich will das nicht mehr.

Leider kommt es doch auch zu Unfällen zwischen den Zweiradfahrern und den Blechkistenlenkern. Eine Kollegin von Steffi wurde letztens angefahren, hatte sich noch schützend vor ihr teures Rad gequetscht und fand sich auf dem Asfalt wieder. Die Autofahrerin ließ die Scheibe herunter, zwitscherte „Sorry“ und fuhr weiter. Immerhin konnte sie zur Schule humpeln und sich erstmal auf die Krankenliege legen.

Die Gefahr für alle ist nämlich, dass sie dazu verdonnert werden, den Schaden zu bezahlen. Und zwar nicht nur die Schuldigen, sondern auch die Helfer, wie bei einem Unfall, der vor ein paar Jahren publik wurde: Eine Frau stolperte aus einem Bus, brach sich ein Bein. Ein Mitfahrer hielt, kümmerte sich um die Frau, brachte sie ins Krankenhaus und wartete, bis die Diagnose des Chirurgen getroffen war. Da die Familie der Frau die Krankenhauskosten nicht zahlen konnte, suchten sie jemand anderen mit Geld. Der Ersthelfer müsse ja doch Schuld gewesen sein, dass sie sich überhaupt verletzte, sonst hätte er doch nicht geholfen. Das ist die Einstellung, die noch aus Zeiten vom Großen Vorsitzenden herrührt, der den Chinesen das Mitleid gründlich abgewöhnt hat. Der Helfer wurde schließlich von einem Gericht dazu verurteilt, umgerechnet 4500 € zu begleichen, was ihn vielleicht nicht in den Ruin trieb, aber durchaus neun Monatslöhne betragen kann.

Als ich letztens im Carrefour einkaufen war, sah alles so still am Obststand aus. Leute  standen herum. Nach einiger Zeit wurde ich gewahr, dass schon länger eine Frau auf dem Steinfußboden lag, immerhin in stabiler Seitenlage, aber reglos. Blitzschnell ging mir diese Geschichte mit dem Helfer durch den Kopf und ich überlegte fieberhaft, was ich machen sollte. Ein Polizist und eine Frau mit Mobile am Ohr standen daneben und waren offensichtlich involviert, also ging ich mit schlechtem Gewissen meiner Wege. Ich hätte mangels genügend Sprachkenntnissen doch nicht helfen können. Oder? Sie lag bestimmt schon ein paar Minuten dort.

Eine Mitstudentin aus meinem Chinesischkurs hatte auch einen Kollision mit einem Auto. Dabei kam ihr eine Passantin zu Hilfe, die sie mehrere Stunden lang ins Krankenhaus begleitete und die natürlich nicht die Rechnung bezahlen musste.

Also ist es doch nicht so, dass das Helfen eigentlich abgeschafft ist? Immerhin ging ein Aufschrei durch die Nation, als ein kleines Mädchen 2011 von mehreren Lieferwagen überfahren wurde und kein Fahrer und auch kein Passant anhielt, bis nach 7 Minuten eine Müllsammlerin um Hilfe rief.

 24. Januar 2014  Add comments

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muss sein

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