Sep 282013
 

Gleich nachdem wir von der Klassenfahrt wieder in der Stadt sind, rufe ich David an, unseren Makler, den ich schon per eMail vorgewarnt habe, er möge mir bitte bei den Zollformalitäten helfen. Ich soll nämlich für die Unterschrift beim Zoll vor Ort sein. Unsere detaillierte Liste von Dingen, die in den Kartons sind, hatten wir bereits bei der Spedition mitsamt den Pässen abgegeben. Die hole ich also als erstes, treffe mich dann mit David, der als Mongole natürlich ganz anders heißt, und fahre zur Stelle, wo die Formulare ausgefüllt werden, die uns zum Empfang unserer Umzugskartons berechtigen sollen. Meine Liste zeigte, welche Dinge in welchem Karton sind. Jetzt wird umsortiert. Wir tragen alle Dinge ein, wie es verlangt wird: Küchensachen werden bei Küche zusammengefasst, Spiele bei Spielzeug, Badmintonschläger und Trampolin bei Sport etc. Am Ende jeder Rubrik wird ein Durchschnittswert ermittelt. Ja, sagen die Damen von der listeführenden Abteilung: „Das ergibt ja einen krummen Wert – 2,643874 € pro Sache – das kann nicht sein!“ Also verändern sie unsere Eintragungen nach ihrem Gefallen und zu unseren Gunsten, bis die Werte in ihr Schema passen. David und ich müssen uns das Lachen verkneifen, grinsen uns nur an und lassen sie machen. Als wir eine Stunde später mit dem fertig ausgefüllten Formular bei den Offizieren auf der anderen Seite des Raums aufkreuzen, trauen wir unseren Ohren nicht: „Du brauchst eine Arbeitsbescheinigung vom Arbeitgeber.“ Das ist die Schule. Als wenn Steffi ohne Arbeitsbescheinigung ein Arbeitsvisum bekommen hätte. Aber das wird nichts mehr bis zum Feierabend werden. Ah, die Frau arbeitet und hier ist ja auch was eingetragen. Dann muss ihr Name auf den Formularen stehen. Also alles noch mal. Fünf Minuten vor Feierabend um 16:20 ist alles eingetragen, aber den Schein bekommen wir trotzdem nicht, denn Steffi muss selber hier sein, um zu unterschreiben. Gibt´s doch gar nicht. Was hat eigentlich die Spedition in dieser Sache bisher getan?

Ich fahre entnervt mit den Papieren zur Spedition zurück, um die 3. Person, die unseren Fall inzwischen betreut, zu sprechen. In einer eMail hat sie sich mal für ihr schlechtes Englisch entschuldigt und ich hab zurückgeschrieben, so schlecht sei es doch gar nicht, weil ich nett sein wollte, aber ich hatte glatt gelogen. Gesprochen ist es sogar noch miserabler. Ein Kollege hilft, als ich lauter werde, um meinem Wunsch nach Unterstützung Ausdruck zu verleihen. Als er fragt: „Do you have a chinese friend?“ und damit meint, der könne morgen doch mit uns nochmal dort hinfahren, springe ich ihm fast ins Gesicht: „No, I want YOU to come with uns – what are we paying you for?“

Am nächsten Tag bekommt Steffi für diese Aktion früher Schluss. Der Zeitpunkt ist total ungünstig: Um 13:00 kommen die Kinder von der Klassenfahrt zurück. Zu dem Zeitpunkt werden wir schon vor dem Zollgebäude stehen. Wir glauben, es hat keiner userer Kinder einen Wohnungsschlüssel, so dass wir einen im Sekretariat deponieren und der Klassenlehrerin ausrichten lassen, sie solle die Kinder hochschicken, bevor sie nach Hause fahren. Um zwanzig nach eins bekomme ich einen Anruf vom einen Klassenlehrer, dass die Kinder mit dem ersten Bus ohne Klassenlehrer gefahren sind und an der Schule ohne Umweg direkt in den Schulbus, der sie nach Hause bringt, eingestiegen sind. Stehen also vermutlich vor verschlossenener Tür. Wir sind bei dem Verkehr eine Stunde von zu Hause weg. Ich setze mich in das Taxi, das uns hier her gebracht hat, nach fünf Minuten ruft Solveigh fröhlich an: „Hallo Papa! Wir sind zu Hause, wann kommst du?“ Dann kann ich jetzt wieder runterkühlen. Alles in Ordnung, ich kehre um, unterstütze Steffi seelisch und lasse die Kinder bei Eis und Fernsehen auf mich warten.

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Unsere Begleitung ist wirklich beflissen, aber sie ist erst seit zwei Monaten in der Firma, weshalb sie auch dauernd telefoniert. Jemanden anrufen, der sich damit auskennt. Steffi macht mich darauf aufmerksam: Wahrscheinlich telefonieren die Chinesen so viel, weil niemand weiß, wie man es denn nun macht. Eine berufsstandbezogene Ausbildung gibt es faktisch nicht, hat Miya ihr erzählt (wie bloß bei dem Englisch?), entweder man steigt in der Firma der Eltern mit ein oder findet eine Stelle, wo man alles mühsam lernen muss. Fleiß ist nicht das Problem, aber er verpufft bei vielen in blindem Aktionismus. Was einem kaum beigebracht wird, ist eigenständiges Denken. David ist da eine rühmliche Ausnahme. Aber vielleicht erwarte ich zuviel. Oder es fällt mehr auf, weil es so viele Menschen gibt?

Ein Ingenieur aus Deutschland, der in der Entwicklung bei einer dt. Autofirma ist, hat es uns mal so erklärt: „Wenn ein Deutscher einen Herstellungsprozess plant, dann zieht er sich zurück und entwickelt einen Weg, wie man es am besten oder effektivsten machen kann. Dieser Weg wird dann konsequent umgesetzt, auch wenn es einen anderen Weg geben sollte, was ja normal ist. Wenn ein Chinese einen Ablauf plant, denkt er sich auch eine Lösung aus, die zum Ergebnis führt. Er denkt aber ständig darüber nach, was man noch verändern könnte, selbst wenn die Variante schlechter funktioniert.“

Miya verheißt, dass am Sonntag oder Montag unsere Sachen geliefert werden können. Ich glaube es erst, wenn der erste Karton ausgeladen wird.

 28. September 2013  Add comments

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muss sein

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