Aug 272009
 

Gestern ging ich die Hauptstraße Richtung Shari´ati hinunter, weil ich in unserer neuen Wohnung die Lackierung des Parketts aussuchen sollte und dafür ein Taxi dorthin brauchte. Ich sah einen Mann am Kantstein des Bürgersteiges oder was man dafür halten soll auf dem Boden hocken, mit einem Bündel Klamotten zwischen seinen Beinen und einer Packung Nitroglycerin darauf.

Nein, kein Terrorist, ein Kranker.
Alle Passanten gingen vorbei, obwohl er hilfesuchende Gesten machte. Ich fragte ihn, ob ich helfen könne, aber er konnte nicht sprechen, hielt sich nur die Brust. Aber er bedeutete mir, vom Kantstein wegzuwollen zum fünf Schritte entfernten Hauseingang. Von den Nitro-Kapseln aus der Blisterpackung hätte er schon genommen. Ich half ihm hoch, was nicht ganz einfach war, trotzdem hielt keiner an, um ebenfalls behilflich zu sein. Der Hauseingang führte zu einer Apotheke. Dort setzte ich ihn auf einer Treppenstufe ab, ging rein, um um Hilfe zu fragen. Die Frau hinterm Tresen sagte nur, sie sei kein Arzt. Ob sie jemanden anrufen könnte? – Gegenüber im Hauseingang sei eine Arztpraxis. Ich hin, aber es machte keiner auf. – In der Zwischenzeit hatte sich mein Schützling soweit berappelt, dass er mir bedeuten konnte, Wasser zu wollen. Das konnte die Apothekerin denn wenigstens besorgen. Ich blieb noch eine kleine Weile, bis der Angina-Pectoris-Anfall offensichtlich besser war, hörte mir noch an, dass er aus einer anderen Stadt käme, und kein Geld habe. Schließlich machte ich mich auf den Weg zu unserem Haus, nachdem ich ihm noch 5.000 Tuman in die Hand gedrückt hatte.
Hier muss jeder für sich selbst sorgen, wenn er keine Familie hat, die ihn auffängt.
Ich erinnere auch eine Situation, die vor knapp einem Jahr war, als ich noch die Stadt erkundend durch die Straßen lief: Da stolperte eine ältere Tschadori-Frau über einen zu lang abgekniffenen Metallhaken im Asfalt, schlug lang wie ein Brett hin, trug einige Schürfwunden davon und schlug sich die Schneidezähne kaputt. Ein paar Stückchen fand ich noch auf dem Gehsteig. Ich war sofort zur Stelle, um ihr aufzuhelfen, aber ich merkte, dass sie das eigentlich nicht wollte. Schließlich war ich ein Mann, der sie gar nicht berühren darf. Eine Passantin nahm sich ihrer dann an.
So ähnlich sah ich mal, das eine ältere Frau zwischen Autos auf der Straße stolperte und Mühe hatte, wieder hochzukommen. Die Männer, die daneben standen, taten nichts ausser ihre Sachen bereitzuhalten, bis sie sich wieder berappelt hatte.
Steffi sagte, die selbstlose Hilfe ist im Islam einfach nicht angelegt, und trotzdem fühlen sich immer alle schuldig. Aber ganz so stimmt das nicht, die Gabe von Almosen gehört schon dazu. Aber vieles geschieht eben, und es gibt kein Entrinnen.
Erklären würde dies Verhalten, dass man für den, dem man hilft, verantwortlich ist und schließlich für die Krankenhausrechnung und mehr aufkommen muss. Aber das ist nicht verbrieft.
Manchmal sehen wir im Stau Krankenwagen, die auf dem Weg zu einem Krankenhaus sind. Weil es keine Rettungsgasse gibt (alle fahren so dicht auf, wie es geht, damit ja keiner einem den Platz wegnimmt), steht der Rettungswagen ungeachtet des Blaulichts und Martinshorns so lange, bis wieder Bewegung in die Schlange gekommen ist, und etwas Platz zum Durchkommen geschaffen wurde.
Ich fragte in so einer Situation Freund Reza einmal, was denn mit den Kranken sei, die wirklich dringende Hilfe bräuchten. – Lapidare Antwort: Der muss dann sterben, Gott hat es so bestimmt. Und es gibt so viele Menschen hier…
Da hat er ja nun auch wieder Recht.
 27. August 2009  Add comments

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muss sein

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