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In Real Life – Alexander

Die meisten meiner Fotos landen irgendwann bei flickr.com, hauptsächlich, weil ich sie dadurch gut in meinen blog einbetten kann.
Natürlich kucke ich auch, was andere Fotografen so machen. Dabei bin ich über jemanden gestolpert, der in Peking ähnliche Bilder wie ich macht, aber offensichtlich viel in U-Bahn-Nähe fotografiert. Zudem lichtet er Orte ab, die ich schon oft aufgesucht habe, die aber wie aus einer anderen Zeit stammen. Sein Flickr-Konto findet ihr hier.
Eine Besonderheit ist, dass jedes Foto mit einem Orts-Tag versehen ist, so dass man genau sehen kann, wo es aufgenommen wurde. Dafür trägt er einen GPS-Tracker mit sich herum, der am Computer später mit der Kamera synchronisiert wird.
Ich dachte mir, es wäre ganz nett, sich mal mit ihm zu treffen, also schrieb ich Alexander eine eMail. Er antwortete prompt und etwa einen Monat später trafen wir uns in seiner Hotel-Lobby.
Fast 2 Stunden saßen wir bei einem Bier nach vier zusammen.
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Alexander ist für einen Öl-Konzern regelmäßig in China und hat neben seinen geschäftlichen Treffen relativ viel Zeit, die er nicht im Hotelzimmer verbringt. Ihn interessierte die Pekinger Metro und daher fragte er sich, wie Beijing am Ende der U-Bahn Linie 1 wohl aussehen würde. Das war vor 10 Jahren PingGuoYuan. Als analytisch arbeitender Mensch machte er sich als nächstes auf, das genau andere Ende der Linie 1 anzuschauen. Danach den benachbarten Bahnhof und Umgebung. Inzwischen geht er von einer Station der einen Linie zur nächstgelegenen Station der anderen Linie, manchmal auch viele Stationen weiter. Dadurch sieht er noch ganz andere Gegenden. Die Metrokarte, die er mir vorlegte, zeigte überall rot ausgekreuzte Metrostationen. Ihm bleiben nur noch etwa 10 %, die er noch nicht gesehen (und fotografiert) hat. Und Beijing hat viele Stationen! Wenn ich richtig gerechnet habe, 391 und es werden noch mehr!
Die U-Bahn bei Wikipedia.
Beijing-Subway_en
Seine letzte Wanderung wird von Guangzhuang(关庄)Linie 15 bis Guangzhuang(管庄)Batong-Linie verlaufen, das sind 40 km.
Bei einem der Heimflüge nach Holland bearbeitete er am Laptop seine fotografische Beute, als ihn sein Sitznachbar ansprach und lobte:“Schöne Bilder, die du da von meiner Stadt gemacht hast. Ich könnte mir vorstellen, dass wir daraus ein Buch machen könnten.“ ??? „Wie kommen Sie dazu, meine Bilder zu einem Buch machen zu wollen?“ „Nun, ich bin der Bürgermeister von Beijing.“ Ist das nicht ein unglaublicher Zufall?
Das Ergebnis war, dass sie tatsächlich ein Büchlein zusammengestellt haben, das leider nicht käuflich ist, aber offiziellen Besuchern der Stadt als kleines Souvenir überreicht wird.
Daraus entwickelte sich natürlich noch mehr: „Du kennst unsere U-Bahn ja schon ganz gut, aber wusstest du, dass 2% des Budgets für den Bahnhof in Kunst am Bau verwendet wird? Du musst unbedingt mal die Bahnhöfe sehen, wenn keine Menschen drin sind.“ Also sah Alexander morgens vor Betriebsbeginn einige Stationen, wie sie sonst nur Mitarbeiter zu sehen kriegen.
Durch den Kontakt mit dem Mayor lernte er auch Offizielle in Shanghai kennen, der anderen chinesischen Stadt, in der er regelmäßig zu tun hat. Über Shanghai ist ein ähnliches Buch im Werden.
Dabei findet er abseits der normalen Straßen Orte, die viele Einheimischen überblicken. Wenn er am nächsten Morgen im Büro seinen Mitarbeitern die Bilder vom Vortag zeigt, schlägt ihm oft Unglaube entgegen: „Das ist in unserer Stadt? Aber das ist 20 Jahre her, oder?“
Seine offene Art führt dazu, dass er in kleine Gespräche verwickelt wird und vor allem Leute aus ländlicheren Gegenden besser kennen lernt. So kommen auch ganz schöne Portraits zustande.
Sein Glück ist, dass er, obwohl er nur leidlich Chinesisch kann, jederzeit seine Sekretärin anrufen kann, um das Gespräch mit den Leuten auf der Straße zu führen. Manchmal kommt sein Staff auch einfach vorbei und sie haben gemeinsam eine nette Zeit. Wie geil ist das denn?
Ich bin gespannt, was Alexander bei unserem nächsten Treffen zu erzählen hat und freue mich schon, vielleicht mit ihm unterwegs sein zu dürfen.