Okt 222010
 

Woran es wohl liegt, dass momentan vieles nicht so läuft, wie wir uns das vorstellen? Sar-nevesht sagt man im Persischen. Bedeutet in den Kopf geschrieben.
Vor etwa sieben Monaten hatte uns unser Vermieter angeboten, wir könnten in ein anderes Haus ohne Baustelle nebenan umziehen. Wir packten umgehend, weil am kommenden Wochenende bereits der Umzug sein sollte. Leider verkaufte die Vermieterfamilie das betreffende Haus innerhalb dieser Zeit. Dann boten sie uns ein anderes Appartment an, das in einem Neubau liegt. Nur die Schränke müssten noch gestrichen werden und die Wände nachgearbeitet werden. So übten wir uns in Geduld. Doch die Arbeiten dauerten länger als gedacht, weil die Einbauschränke komplett erneuert werden sollten und es dann Ärger mit dem Tischler und anderen Handwerkern gab – sagte man uns. Jedenfalls lebten wir seitdem von Vertröstung zu Vertröstung, bis wir uns am letzten Wochenende die fast fertige Wohnung nochmal anschauen durften. Das ist nur die Küche der 320 qm:Am übernächsten Tag gab es dann einen Anruf vom Schwager, sie wären in Geldnöten, und weil sie für den Fabrikneubau dringend Bargeld bräuchten, müssten sie auch diese Wohnung verkaufen. Ich denke, das wars von unserem Traum von einem Zimmer pro Kind.
Ein paar Tage vorher waren wir noch im Garten von dem Familientreffpunkt eingeladen – man ist angesichts des Reichtums ohne Worte. Aber glaub nicht, dass die Leute glücklicher sind.Warum die Wespe sich hier gerade JanIngmar ausgesucht hat – sar-nevesht.
Immerhin, es ist lange keiner mehr vom Pferd gefallen.
Oder von der Zimmerdecke.
Für meine derzeitige Baustelle wollte ich nicht auf einen anständigen Teebereiter verzichten und ging nach Feierabend auf den Bazaar, um einen Samovar zu besorgen. Am nächsten Morgen füllte ich Wasser ein, schaltete an – nichts passierte, außer dass das Wasser unten wieder rauslief. In der Mittagspause fuhr ich wieder hin (ich frag mich heute noch, wie ich den Laden wiederfinden konnte). Ersatz hatten sie nicht im Geschäft, also musste ich zwei Stunden warten, bis sie mir aus der Fabrik einen neuen besorgt hatten. Die Zeit bis dahin verbrachten wir im Katakomben Restaurant. Solche Orte findet man als Fremder gar nicht, weil die Eingänge so klein und die Treppen gefährlich steil sind. Und die Werbung ist auch nicht grade riesig so wie hier:Es gab Dizi, auch Ab-gusht=Fleischwasser, das mit Schaffleisch, Kichererbsen, Kartoffeln, Tomaten und dem Schwanzfett vom Schaf fast immer eine gute Wahl ist. Es kommt meist knalleheiß im Steinpott, so dass man zum Umschütten der flüssigen Bestandteile Brot als Topflappen zweckentfremden muss. Dann wird das Brot in die Suppe gebröckelt und als zweiten Gang zerkleinert man den festen Teil mit dem gusht-kub, dem Stößel zu Brei.
Wenn man Zeit hat, kann man noch ne Wasserpfeife nehmen, in den schlauchförmigen Teehäusern an der Straße dürfen meines Wissens nur Männer sitzen.
Immer wenn man etwas kauft und nach der Qualität des in Iran hergestellten Artikels fragt, kriegt man stolz zu hören, das ist Estandard! So was ähnliches wie Tüv-geprüft.
Jetzt prüfe ich immer alles noch im Laden.
Ob der iranische Tüv dieses alte Gefährt regelmäßig prüft, weiß ich nicht. Der Briggs&Stratton aus Milwaukie hatte in den letzten 35 Jahren seines Daseins offensichtlich keine seiner 16 Pferdestärken eingebüßt.
Aus den ungeliebten USA kommt auch dieses Ding, das in dem nahe unserer Wohnung gelegenen Wasser-und-Feuer-Park zur Miete steht. Auch wenn Martje noch sehr konzentriert ist, das Fahren damit schockt.
Jeden Abend wallen riesige Gasflammen stichartig aus den Türmen, die um in den Boden eingelassene Springbrunnen angeordnet sind. Für Inlineskater und Kinder ein Paradies – wir haben jetzt immer Wechselklamotten dabei.
Wir richten uns jetzt in unserer Wohnung wieder ordentlich ein. Um einen Schrank und andere Dinge zu besorgen, war ich mit Martje und A. auf seinem Motorrad unterwegs in die Innenstadt. Nachdem wir alles besorgt beziehungsweise bestellt hatten, passierte das Unglück, dass an einer Ausfahrt ein Auto von scharf rechts ankam, um noch schnell abzubiegen. Ein Ausweichen war beim besten Willen nicht mehr zu schaffen, wir knallten auf die Straße. Zum Glück war die Geschwindigkeit nicht hoch, aber es reichte, um A. einen Bruch der Schulter zu bescheren. Wir hatten nur ein paar kleine Schürfwunden zu beklagen. Es waren nur etwa 100 m bis zum nächsten Krankenhaus. Martje fragte dort, wo wir die nächsten zwei Stunden verbrachten, wieviele Krankenhäuser noch in ihrer Liste fehlen würden.
Da die Unfallverursacher Fahrerflucht begangen hatten, aber Augenzeugen das Kennzeichen notiert hatten, waren wir eine weitere Stunde auf der Polizeiwache. Aus verständlichen Gründen habe ich davon keine Bilder…
Und allen, die jetzt den Zeigefinger hochheben, sei gesagt, wir machen so was nicht wieder, das nächste Mal fahren wir mit dem Taxi.
Wenn schon sar-nevesht, dann doch bitte mit dem Pinsel und nicht mit dem Meißel…

 22. Oktober 2010  Add comments

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muss sein

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