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Karneval in Tehran

Tehran Alaaf!
Wir sind, wie ihr alle wisst, begeisterte Karnevalisten, und deshab freuten wir uns auch sehr über die Einladung des 2. Botschafters bzw. seiner Frau zu dem Partyevent schlechthin. Mit dem Babysitter klappte es nicht, daher mussten wir die Kinder mitnehmen und schon um 10 wieder gehen. Für einen ersten Eindruck reichte es alllerdings.
Damit man hingehen kann, braucht man natürlich ein Kostüm. Was bietet sich da eher an als ein Tschador? Ich war in Tajrish auf dem Bazaar:
„Ich möchte einen Tschador für meine Frau (hier log ich), die ist so groß wie ich.“ Es wurde ein teures Modell, aber dafür hat es Ärmel. Später erfuhr ich, dass diese Art letztes Jahr im Parlament als Tschador melli = Volkszelt verpflichtend für alle Frauen diskutiert wurde. Zum Glück wurde nichts draus. So konnte ich den Restposten käuflich erwerben.
Der Verkäufer lachte sich halb schlapp, als ich das Ding im Laden anprobierte und er mir zeigte, wie man es schafft, dass die Kutte nicht vom Kopf rutscht.
Als ich die Kinder und Steffi von der Schule abholte, wollte Steffi natürlich mal probieren (die anwesenden Iranerinnen schauen etwas betreten, weil sie sich freiwillig natürlich nie da drin verstecken):
Die Kids waren relativ schnell verkleidet, Martje kriegte noch einen Umhang von der Schneiderin in der Familie genäht und war glücklich. Auf dem Fest wurde sie oft gfragt, ob die Krücken zum Kostüm gehörten.
Es gab Tatsache echtes Bier und auch andere Alkoholika zu trinken, nicht nur dieses Holsten, was sonst so auf den Straßen beworben wird. Mit Apfel, Limonen, Minz und Granatapfel-Geschmack. Lemon geht noch so. Jever Fun ist auch weit verbreitet.Und dann auf zur Party! So schön wie die Iranerinnen kann eine Deutsche sich einfach nicht schminken. Immerhin werden pro Kopf hier weltweit am meisten Kosmetika verkauft, von den Nasen- und sonstigen OP´s ganz zu schweigen.
Da sehen die Deutschen doch echt scheiße aus, oder?
Und da endlich ich mit dem Dank immer ausreichend Zahnpasta strahlenden Lächeln.
In diesem Sinne: Helau und Allah!

[Jochen]

Wir sind…


Am 9. 2. 09 (21. 11. 1387) war der Abend vor dem 30. Jahrestag der Islamischen Revolution. Als ich um 21.00 durch die Straßen ging, standen überall Menschen auf den Dächern und riefen Allah-u-akhbar! Gott ist groß! In dieser dichtbesiedelten Stadt hatte ich das Gefühl , die ganze Stadt sei ein Chor, der es nur nicht schafft, im Gleichklang zu singen.
Es wurden die Autobahnen mit grünweißroten Fahnen geschmückt. Ansonsten scherten sich die Leute um die offiziellen Feierlichkeiten recht wenig.
Unser Freund F. berichtete, dass es einen iranischen Satellitensender gebe, der die Unzufriedenheit der Leute in Aktionen kanalisieren will: Die Bewegung gibt sich den Namen „ma hastim“, was „wir sind!“ bedeutet, ähnlich dem Slogan in der DDR „Wir sind das Volk“. Eine Aktion war, dass zu Demonstrationen auf islamischen Märyrerfriedhöfen aufgerufen wurde, bei denen die Gefahr der Verhaftung klein ist, weil man ja schlecht die Heldenverehrung verbieten kann. Trotzdem wurden angeblich Hunderte Leute gefangengenommen, von denen etliche nicht wieder auftauchten.
Deshalb findet jetzt eine andere Aktion statt: Alle, die mitmachen wollen, gehen um 5:00 Uhr zum Bäcker und kaufen Brot. Dagegen kann ja der Staat nichts machen.
Der religiöse Führer benutzte bei seiner Ansprache zum Feiertag auch den völlig üblichen Ausdruck „ma hastim“, wobei alle, die Bescheid wissen, sagen: Siehst du, sogar unser Führer spricht schon davon.
Die Menschen sind sehr unzufrieden mit der derzeitigen Situation, aber viele sagen sich auch, wozu noch eine Revolution, wo es nach der letzten schon nicht besser geworden ist? Aber in der DDR gings ja auch ganz schnell…

Nachtrag zu der Skiwoche, auf der Martje mit dem größeren Teil der Schule war:
Martje ist die auf der rechten Seite, die in rosa. Wir wollten eigentlich vor der Reise mit ihr zum Arzt gehen, weil sie wiederkehrend mal mehr und mal weniger Schmerzen in ihrem Zeh spürte, den sie vor Wochen umgeknickt hatte. Bloß hätte das u.U. dazu geführt, dass sie nicht hätte mitfahren können. Heute waren wir also zum Röntgen (das 2. Mal in Iran), diesmal war es tatsächlich ein Bruch, am großen Onkel. Der wird jetzt mit Gips ruhiggestellt. In 2-3 Wochen soll dann alles wieder gut sein.

Und noch ein Bild vom Abend vorher, wo wir mal alle zu sehen sind. Es ist bei Freunden in Karaj, einer riesigen Trabantenstadt im Westen von Teheran. S. fährt von Karaj jeden Tag 75 km nach THR zur Arbeit und abends wieder zurück. Das Gehalt wird, wenn es gezahlt werden kann, mit 3 Monaten Verspätung gezahlt. Für ihren Sohn geben sie alles, um ihm eine anständige Schulbildung zu ermöglichen, die ihm auch im Ausland eine gute Grundlage schaffen kann. Dafür nimmt S. jeden morgen Pendler mit, die als Fahrpreis zusammen vielleicht umgerechnet 4 € in die Kasse bringen. Ich weiß nicht, wie sie es schaffen, mit weniger als einem Drittel von dem, was uns zur Verfügung steht, zu überleben. Und wir müssen noch nicht mal die Wohnung selbst bezahlen…
Der Zusammenhalt in der Familie macht vieles wieder wett, und das ist das, was sie abhält, das Land zu verlassen, wenn sie es zusammen könnten.
Wir können inzwischen verstehen, warum die Iraner ihr Land gern verlassen würden, aber auch, was sie so sehr hier lieben.

Sicher nicht das, was zu solchen Merkwürdigkeiten führt:
Ein Prospekt aus dem Büro über Badewannen bestand aus etlichen Bildern, in denen jemand sich die Mühe gemacht hat, sämtliche unzüchtigen Körperteile mit schwer entfernbarer Klebefolie zu verdecken. So ganz regierungskonform war er allerdings doch nicht – der Hejab, das Kopftuch fehlt. [Jochen]

Schnee überall

Jetzt haben wir doch noch ein wenig Schnee bekommen. Leider ist es einfach zu warm (3-10°), da bleibt einfach nichts liegen. Als er nachts kam, konnten wir lange nicht einschlafen, weil die Leute auf der Straße trotzdem versuchten, den Berg hochzukommen, was ohne Winterreifen, bevor der Räumdienst da ist, nur mit Reifenquietschen und Motorgeheul abgeht.

Während Martje eine volle Woche mit ihren neuen Skiern und Stiefeln mit der gesamten Schule ab Klasse 4 nach Dizin zum Schulausflug gefahren ist, durften auch die kleinen Grundschüler Spaß im Schnee haben und sind nach Abe-Ali gefahren. Ein Hang war abgeteilt nur fürs Rodeln, man konnte auch Schlitten leihen, die noch zu Shah-Zeiten hergestellt und seitdem nicht mehr groß gewartet wurden (sagte Steffi jedenfalls). Ich war nicht mit.Später kamen auch die Leute aus der Umgebung dazu und wollten etwas Spaß haben.

Zwei Tage später wieder der wöchentliche Ausflug auf den Reiterhof. Inzwischen hat Lori, die Eselin, sich damit abgefunden, dass sie statt Lasten jetzt Kinder durch die Gegend tragen muss, und es scheint, als würde sie es sogar genießen. Jedenfalls gibt es kein Murren oder was man Eseln sonst so nachsagt.


Ein paar Kuriositäten zum Schluss:

Als wir heute mit dem Taxi aus der Stadt zurückfuhren, hatten wir einen Taxifahrer, der uns ganz bereitwillig nach Hause fahren wollte; als wir eingestiegen waren, bedeutete er uns, das Ziel aufzuschreiben. Da meine persische Schrift noch nicht so schnell ist, dass es sich gelohnt hätte, unsere Adresse aufzuschreiben, versuchte ich es mit Sprechen.
Das war aber nun völlig unmöglich, da er offensichtlich taubstumm war. Also ehrlich, dürfen Leute, die nicht hören können, in D überhaupt Auto fahren, geschweige denn Passagiere befördern? Steffi meinte, du weißt doch gar nicht, ob er einen Führerschein hat. Damit hat sie nun auch wieder recht. Er fuhr denn auch so vorsichtig wie sonst noch keiner. Und vielleicht war es auch gar kein Taxi…
Die Härte war, als wir fast zu Hause waren, wollte ein Blinder mit weißem Stock über die Straße, unser Taubstummer wollte ihn rüberlassen, konnte aber nix sagen, der Andere seine Handzeichen nicht sehen – ich hätte mich ausschütten können vor Lachen. Schließlich fuhren wir, ohne ihn rüberzulassen.
Bezahlen sollten wir schließlich 10.000 T! – Hin hatten wir 3.500 T bezahlt. Er fuhr schließlich mit 6.000 T von dannen.

Und zum Abschied noch etwas von der Verpackung von Haferflocken. Wenn ich von meinen Kindern mal genug hab, dann sag ich mir auch, dass weniger Kinder ein besseres (auf persisch: ruhigeres, gelasseneres) Leben bedeuten, aber was soll man machen, wo sie nun schon mal da sind? – Vermutlich ist das ´ne Kampagne für Geburtenkontrolle, aber den Spruch find ich klasse.

Man kriegt ´ne Tüte

Unser Supermarkt: Meistens ist Mehdi da.
Er kann ein paar Worte Englisch, die Zahlen natürlich, aber auch soviel, dass man sich über die notwendigsten Dinge unterhalten kann. Und er hat sich recht schnell die Namen unserer Kinder gemerkt.
Es ist kaum zu glauben, wieviele Höflichkeitsfloskeln im Persischen verwendet werden. Allein dafür braucht man schon etwas Zeit, wenn man sich darauf einlässt:
Das Betreten eines Geschäfts läuft normalerweise so ab (Ich übersetze das mal sinngemäß):
Salaam! Hallo/Guten Tag – Salaam! Chaste nabaashid! Sie mögen nicht müde werden!
Wie geht es ihrer Gesundheit? Geht es gut? – Danke, mir geht es gut. Und Ihnen? Gute Gesundheit haben Sie? – Dankbar bin ich, es geht gut, vielen Dank.
Es ist völlig egal, ob man den Anderen kennt oder nicht, auch, ob man vor zehn Minuten schon mal im Laden war und die Prozedur schon mal durchgekaut hat: immer wird nach der Gesundheit gefragt (und die der Chanom – der Frau und kodja bacce hastand? – wo sind die Kinder? gehts ihnen gut?) Ein schöner Brauch, den wir in Deutschland kaum kennen.
Beim Bezahlen sagt der Verkäufer: „Ghabeli nadaare – Es ist nichts wert, (ich schenks dir).“ – „Nein, bitte, wieviel? “ – „5000 Toman.“ Dann sagt man: „Ihre (Deine) Hände mögen niemals schmerzen.“ (unter anderem der Titel von dem Buch unserer Bekannten Bruni Prasske)
Und beim Rausgehen „Choda Haafez“ -„Gott beschütze Dich/Sie“
Natürlich sind es inzwischen Floskeln, die manchmal auch nur so dahingerotzt werden, trotzdem bedeutet es genau das, was man dem Andern wünscht.

Mehdi ist nie allein im Laden, der bis in die hinterste Ecke vollgestopft ist, es steht immer noch jemand herum, der einem die Sachen abnimmt, und auf den Tresen legt. Oder was aus dem nicht sichtbaren Teil des Ladens holt. Der fährt auch Motorrad und bringt einem die Sachen nach Hause. Im Keller gibt es auch immer noch Platz, der durch einen kleinen Lastenaufzug angefahren werden kann.
Manche Läden sind wirklich nur sichtbare 5 Quadratmeter groß, trotzdem kann man sie als vollwertige Supermärkte bezeichnen. So waren die Läden früher in D auch. Na ja, die Türken oder Chinesen haben auch manchmal so eine Ausstattung.
Und wenn man alles hat, wird es eingepackt, alles in „Pelastik“.
Am Anfang hab ich mal versucht, alles ohne Tüte in meinen Rucksack zu verstauen. Ich wurde mitleidig angekuckt und gefragt: „Warum?“ – Jetzt lass ich mir ne Tüte geben (brauchen wir sowieso für den Müll, der jeden Abend um ca. halb zehn vom Hausmeister an unserer Wohnungstür abgeholt wird – wenn wir ihn nicht rausstellen, klingelt er.)
Draußen auf der Straße kommt dann alles in den Rucksack.

Heute gab es Zeugnisse, die Kinder haben sich richtiggehend drauf gefreut. Sie waren aber auch dementsprechend.
Nur Steffi hat die Grippe erwischt und sie konnte die Zeugnisse nicht selber ausgeben.

Gestern hab ich, auch um die kranke Steffi zu entlasten, einen Ausflug mit JanIngmar und Solveigh in den Keyboardbaazaar gemacht. Erklärtes Ziel: den Missstand mit unserem Flügel an der Heizung zu beseitigen. Mit Bus und Metro hin, es dauert min. `ne Stunde.
Als wir aus der Metro gingen, kuckte einer so hilfsbereit und ich fragte ihn nach dem Namen der betreffenden Straße. Es stellte sich raus, dass er auch dorthin wollte, und dass er etwas Englisch kann, und dass er Geigenlehrer sei, also halbwegs vom Fach. „I show you the way!“
Na gut, dackelten wir hinterher.
In einen Bus einsteigen, er vorher noch zum Busticketverkauf (obwohl ich Tickets hatte) und welche für uns alle gekauft. Er wollte auch keine wieder haben, „No, you are guests in my country, so I invite you.“ Was soll man da sagen außer „Cheili mamnun“?
Er führte uns noch in einen Seitenbaazaar, der Keyboards hat, wo wir etwas dumm auf die Geräte kuckten, dann fiel ihm der Laden eines Freundes ein. War nicht weit. Und gleich das
erste Gerät machte den besten Eindruck, den ich bei meinen Recherchen bisher hatte. Man
kanns nur nicht gleich bezahen und dann mitnehmen: Erst wird das originalverpackte Stück ausgepackt, gezeigt, dass es keine Macken hat, alles wieder fein säuberlich eingepackt, die Kinder fotografiert. Inzwischen ist der Laden voll. Dann bezahlen: 450T (Tausend-Toman) kostet es eigentlich, aber Freunde von Abbas bezahlen 400T. Ich hab nachher gar nichts mehr gemacht, es kam noch als Geschenk ein Pedal obendrauf, dann kostete es 390T, und als wir gingen, kriegte ich nochmal 10T zurück.Abbas trug uns das Riesen-Ding über die Straße, musste noch seine Erledigung machen, und bestand darauf, uns nach Hause zu bringen. So billig hätte ich das Taxi nie bekommen. Fast
eineinhalb Stunden saßen wir im Verkehr, bis wir 600 m vor zu Hause liegenblieben. Ich wollte schon den Rest des Weges schleppen, aber der Taxifahrer wollte davon nichts wissen, holte Eimer und Schlauch und Schraubenzieher aus dem Kofferraum, um dann Schläuche zu lösen, einen halben Liter Benzin abzulassen, alles wieder festzumachen und das Benzin auf den Gehsteig zu kippen. Mach das mal in D auf ner vielbefahrenen Geschäftsstraße…

Abbas kam dann doch noch mit rauf, wo er eine Klavierviertelstunde gab und sich schließlich weigerte, das ihm angebotene Taxigeld anzunehmen, das ihn wieder dahin bringen sollte, wo er uns vor 3 Stunden nah von seinem zu Hause aufgegabelt hat.
Jetzt stelle sich mal einer einen Deutschen in D vor, der einem Schwarzhaarigen oder -häutigen diese Freundlichkeit erweist.

Vor ein paar Tagen haben sie unsere Moschee untergraben (hoffentlich gehts gut), dabei die Mauer auf den Gehsteig gekippt, so dass man nicht anders konnte als mühsam drübersteigen. Am nächsten Tag war das Gitter rausgeflext, und so hingestellt, dass man durchs Blumenbeet oder direkt auf der Autobahn marschieren konnte oder vielmehr musste.

Die Temperaturen sind fast frühlingshaft, es riecht außer nach Benzin auch danach.
[Jochen]

DSL ready

Heute ist der Tag, an dem wir jubelten, weil wir aus der Internetdiaspora herauskatapultiert wurden. Ein Techniker kam, pünktlich, hatte das Passwort dabei und machte unsere Rechner ADSL-fertig. Die Verbindung ist zwar noch nicht superschnell, aber immerhin 320 kbs her und 128 kbs hin. Damit kann man schon über Skype ganz gut telefonieren.
Und weil das mit den Dateien auch etwas mehr Spaß macht, lad ich gleich mal ein paar hoch, die etwas typisch Teheranisches zeigen.
Dies ist einfach typisch Iran – mit dem Mangel leben, so wie es auch in der DDR gewesen sein muss:
Man weiß sich einfach in jeder Situation zu helfen, woraus Bälle und Schläger sind, weiß ich allerdings nicht 😉

Keine Angst, dies ist ein Parkstreifen. Aber ich bin sicher, so kann der LKW noch lange fahren. Das Reserverad muss geschont werden. Oft sehen wir Stoßstangen, an denen noch die blaue Plastikverhüllung des Chroms klebt, oder das Plastik der Sitzbezüge wird erst nach Jahren abgemacht. Wo sonst so viel kaputt geht, muss manches eben stellvertretend schöngehalten werden.

Der Park in der Nähe, zu dem wir manchmal einen Fußmarsch machen (2km den Berg hoch), unterwegs ein Blick, der allein den Ausflug lohnt:


In einer „modernen“ Einkaufsstraße ist ein altes Gebäude standhaft geblieben.
Und hierhin führt uns der Weg am Wochenende, raus nach Südosten zwischen Karaj und Tehran liegt der Ponyhof. Die Kinder kriegen prima Reitunterricht und lernen Englisch und Farssi als Beigabe.
A. hat ein Eselchen vor dem Verdursten gerettet und sich mit dem Kauf einen Kindheitstraum erfüllt. Weil es aus Lorestan kommt, heißt es Lori. Alle Kinder schmusen gern mit ihm. Esel sind ja echt spezielle Tiere, aber ich muss sagen, für die Kinder ist es einfach toll.
Das mit Lori ist aber eine eigene Geschichte, da muss ich noch mal fragen, ob ich darüber schreiben darf.
Überhaupt lernen unsere Kleinen so viel: auch Klavierunterricht gehört dazu. Und nicht, dass falsche Vorstellungen aufkommen: Talent will gefördert werden, also muss das schon auf einem Steinway-Flügel sein.

Leider reicht unser Budget nicht dazu, in unserem Luxusappartment (in dem sich die nächsten Bauschäden bereits bemerkbar machen) auch so einen Kasten hinzustellen. Aber für die kleine Variante reicht es schon…

Teppich und Taorouf


Gestern haben wir leihweise einen Teppich bekommen, von Leuten, die wir eigentlich nicht kennen, die aber von uns durch unsere Kontaktvermittlerin A. Kenntnis erlangten. Man muss sich wundern, wieviel Perser es gibt, die Deutsch sprechen, ohne je in D gewesen zu sein. N. und Kh. und ihr Sohn sind solche Menschen. Sie riefen heute an und luden sich bei uns zu Besuch und als sie feststellten, dass sie uns bei der Teppichbeschaffung helfen könnten, boten Sie uns gleich ihren im Schrank liegenden Teppich an.
Ich würde das vielleicht auch tun, trotzdem hat es uns in Bedrängnis gebracht, weil es im Iranischen eine Eigenart gibt, die den Deutschen nicht bekannt ist: Taorouf. So nennt man das Höflichsein um des Höflichseins willen. Es fängt mit einer Straßenbekanntschaft an, mit der man sich zum Beispiel 5 min. unterhält, und kurz vorm Abschied lädt sie einen zum Abendessen bei sich zu Hause ein. Normalerweise nennt man so etwas Taorouf.
Das Gegenüber sagt ab, weil er schon was vor habe. – Nein wirklich, man habe schon etwas vorgekocht, es wäre gar keine Mühe. – Dann gebietet das Spielchen, noch einmal abzulehnen (gegessen habe man grade eben erst am Kabbabi oder Sandwich-Takeaway). Danach wiederholt der Einladende sein Angebot vielleicht; dann hat er´s ernst gemeint und man darf annehmen.

Die Horrorsituation wäre, dass man sagt: „Hast du aber einen schönen Teppich!“ Dann gebietet Taorouf, dass der Teppichbesitzer den Teppich zum Geschenk anbietet. Nähme man an, wäre die Katastrophe da: Der Teppichbesitzer müsste seinen einzigen Teppich hergeben, und der Beschenkte hätte einen Todfeind oder wenigstens einen Den-mag-ich-nicht-mehr.
Es ist ein traditionelles Spiel mit Worten, das vermutlich dazu da ist, den Rang oder die Größe der Freundschaft zu bemessen. Wir versuchen wenigstens dies Spiel mitzuspielen. Vielleicht haben wir es schon mal verloren, ohne es zu merken.

Oft ist man kurz davor, etwas anzunehmen, und denkt, man könne gleich nett essen und Kontakt zu Einheimischen haben, da kommt diese entscheidende letzte Einladung nicht und man weiß, dass man wieder zu deutsch gedacht hat.
Als Ausländer haben wir aber auch etwas Narrenfreiheit, weil die meisten Perser wissen, dass wir nicht so gestrickt sind.

Wir kommen gewöhnlich aus dieser Situation raus, indem wir direkt fragen, ob es denn kein Taorouf wäre. Und schätzen dann ab. Diesmal schätzten wir auf Teppichleihgabe. Vielen herzlichen Dank! Cheyli Mamnun! Wir werden ihn pfleglich behandeln.

Kalender und Jahreswechsel

Es ist ja schon eine Weile her, dass wir was Neues geschrieben und gezeigt haben, aber aus unserem Weihnachts-Heimaturlaub weiß ich, dass tatsächlich einige an unseren Berichten interessiert sind, ja gar auf Neuigkeiten warten.
Also wieder mal ran an´n Speck:

Wie man sieht, lieben die Iraner Weihnachten (fast) genauso wie die Deutschen; wohltuend haben wir allerdings empfunden, dass dieser Trubel, der um sowieso überschätzte Spekulatius, Schokoweihnachtsmänner und Stollen gemacht wird, an uns vorübergegangen ist. Was für die Kinder wichtig war, ist das Basteln, das Singen auf dem Schulhof um den Adventskranz an den Sonntagen und die Weihnachtsfeier in der Schule (weitere Bilder stets aktuell auf http://schulwebs1.dasan.de/ds_teheran/).

So ein Heimaturlaub ist ja für uns auch durchaus erleuchtend gewesen, weil die Fragen deutlich machten, wo noch Unklarheit herrscht. 
Fangen wir mal mit dem einfachen an, der Uhrzeit: 
In Iran ist GreenwichMeanTime +03:30, das heißt, wenns bei uns halb eins ist, ist´s in D erst zehn.
Die Woche ist so ähnlich wie in D, sieben Tage lang ist sie und beginnt mit dem Sonnabend, der Schanbe heißt. Die nächsten Tage sind einfach zu merken: Yek-Schanbe (Eins-Sonnabend), Do-Schanbe (Zwei-Sbd.), Se-Schanbe , Chahar-Schanbe, Pandsch-Schanbe für Fünf-Sbd.=Donnerstag. Dann kommt der Freitag, der heißt Dschom´e. Da ist für alle frei.
Jahresrechnung: In Iran ist noch lange nicht Neujahr gewesen. Das findet erst an unserem 21. März statt (oder auch 1 bis 2 Tage früher…). Dazu mehr,wenn es soweit ist. 
Sorry Kinder, Weihnachten findet (für Iraner) nicht statt!
Der iranische Kalender ist natürlich auch besonders, weil das Jahr Null auf das Jahr festgelegt wurde, als Mohammed von Mekka nach Medina fliehen musste. Immerhin ist das nächste Jahr fast genau 365 Tage lang. So haben wir jetzt das Jahr 1387.
Dies wird überdeckt vom islamischen Kalender, der als reiner Mondkalender auch im Jahr 622 n. Chr. beginnt, aber 11 Tage kürzer ist, weshalb der Fastenmonat Ramazan zum Beispiel jedes Jahr soviel früher stattfindet. Das heisst, dass es in den nächsten Jahren noch unerträglicher wird, den ganzen heißen Tag nichts zu essen und vor allem zu trinken.
Am Tag der Weihnachtsfeier fing es an zu schneien, endlich. Wer´s nicht mochte, waren die Autofahrer, die die Berge mehr schlecht als recht runterkommen. Man soll auch bei Schnee kein Taxi mehr bekommen. 


Einige Weihnachtsgeschenke haben wir einen Tag vorm Abflug auf dem Basar besorgt. Dies ist der größte Basar des Nahen und Mittleren Ostens und großgroßgroß.
Dorthin ging es mit der Metro, die von Norden nach Süden geht und an deren Erweiterung grade gebaut wird. Ausgestiegen sind wir am Imam Khomeini Platz, wo wir als erstes in den Auspuffbazar, dann in den für Autoschläuche, danach in den Anbauteilemarkt und schließlich durch den Mobiltelefonbazar zum Tüten- und Dekorationsartikel- samt Schreibwarenbazar gelangten. Noch habe ich keine Ahnung, wo man hier auf z.B. Staubsaugerbeutel träfe. Aber ich wette, es gibt auch dafür eine komplette Straße.

Nach 2,5 schönen und anstrengenden Wochen in D sind wir nun wieder in Tehran, wo frühlingshafte Temperaturen herrschen und so gar nicht wie hier üblich Schnee Mangelware ist.
Vielleicht schaffe ich es wieder wöchentlich, zu schreiben, aber versprechen kann ich nichts…

Skifahren

Ich habe gestern mit zwei befreundeten Frauen einen Ausflug auf den Tochal gemacht mit dem erklärten Ziel, Ski zu laufen. Die Ausrüstung mussten wir uns an der Talstation leihen, dafür waren etwa 20 € fällig, für die Fahrt mit der Seilbahn und die Benutzung der Skilifte noch mal etwa 12 €. Dafür sind wir in etwa ner halben Stunde mit dem Taxi am Ort gewesen.
Es war trotz normalem Arbeitstag so voll, dass wir eine Stunde warten mussten, bis wir die Seilbahn besteigen durften.
Am Eingang achtete die Skipolizei auf, dass nicht Männlein und Weiblein gemeinsam in die kleinen Kabinen (6 Pers.) steigen (Ausländer ausgenommen). Immerhin ist das für die jungen Leute einer der wenigen Orte, wo sie sich ungesehen aneinander kuscheln können. Wer nicht verheiratet ist, darf auch nicht zusammen wohnen. Nach etwa einer weiteren Stunde waren wir oben auf knapp 4000m Höhe (an der Umsteigstation war auch ne Schlange) und dann gings direkt runter auf die Piste.
Der Blick von Oben atemberaubend – außer im Flugzeug war ich noch nie so hoch oben. Tehran war nicht zu sehen – nur der Burj-e Milad kuckte durch die Smog-Wolkendecke hindurch:Nun ist das über 20 Jahre her, dass ich Ski gelaufen bin, ich hatte etwas Schiss, dass meine alten Knochen die Geschichte nicht mitmachen. War aber nicht so schlimm wie bei der letzten Abfahrt, bei der ich mir ne Rippe angeknackst hatte. Und verlernt hatte ich es auch nicht.

Nachmittags um 2 waren wir wieder unten bei der Schule, um die Kinder abzuholen.
Das nächste Mal machen wir es mit den Kindern und vielleicht besorgen wir uns noch gebrauchte Ski, damit wir nicht an der Ausleihe noch mehr Zeit verlieren. (Hat jemand von euch welche günstig abzugeben?)
[Jochen]

Schnee!

Bald sollen wir ja ADSL bekommen, dann (hoffen wir) geht es mit dem Verschicken von Bildern und der Internettelefonie etwas besser.
Letzte Woche bin ich x-mal zwischen Telefoncompany und DSL-Provider hin und hergelaufen, um alles zusammenzukriegen, was benötigt wird. Sogar unseren Hauseigentümer, der sonst einmal im Monat hier zu sehen ist, um Geld einzutreiben, habe ich getroffen und mich ausnahmsweise mal gefreut, weil ich eine Kopie von seinem Pass brauchte. Die Telefonleitung läuft auf seinen Namen. Im Fahrstuhl Pass auf den Boden gelegt, Foto gemacht, vielen Dank, schönen Tag – an dem Tag hatte ich mal Glück.
Glück hatte ich auch, dass wir überhaupt soweit sind. Reza, der mich ab und zu freundlicherweise in Farsi unterrichtet, kennt jemanden, der beim Internetprovider relativ weit oben in der Etage sitzt. Nachdem ich schon eineinhalb Monate DSL angemeldet hatte, fragte er mich, ob ich ihm mal unsere Telefonnummer und Adresse geben könnte, er würde dem das mal in die Hand drücken. Wupps, am übernächsten Tag riefen sie mich an, jetzt hätten sie freie Ports. So´n Zufall…


Heute war so ein schöner Tag, dass wir nicht drinnen hocken konnten. Steffi hatte die glorreiche Idee, auf den Tochal zu fahren, wo wir im Sommer schon mal waren. Den Kindern Schnee auf 3100 m Höhe zeigen, wo er doch hier länger als in D auf sich warten lässt.
Solveigh sagte, so hätte sie sich da nicht vorgestellt. Irgendwie flacher. Aber so ist es irgendwie sogar besser.
Wir hatten Rutschschlitten mit, und die Kinder hatten ihren Heidenspaß. Da heute kein Feiertag ist und wir spät loskamen, war es sehr leer auf der Alm.

Diese Panoramen gesondert öffnen, dann kann man etwas mehr erkennen. Der Blick von da oben war einfach atemberaubend, wenn die Kinder nicht so gequengelt hätten, wärn wir richtig entspannt gewesen.
Natürlich war trotzdem was in den von den Kindern extra geputzten Stiefeln drin, heute nacht hat der Nikolaus auch noch den Adventskalender mit kleinen Päckchen vorbeigebracht – es ging wohl vorher nicht. Obwohl der Weg für ihn eigentlich nicht so weit ist, schließlich ist er gebürtiger Türke.

Baustellen I

Langsam geht es auf Weihnachten zu, auch hier kommen wir (allerdings ohne Spekulazius und Lebkuchen) nicht an diesem Event vorbei. Immerhin, wir haben einen Adsventskrans! Den haben wir von dem Abend, an dem wir bei der Ev. Kirche als Helfer beim Adventsbazar angestellt waren. Das war eigentlich ein netter und arbeitsreicher Abend. Für einen guten Zweck und daher wahnsinnig teuer. Sogar Eintritt musste man zahlen. Trotzdem waren vielleicht 700 Besucher dort, um den Laden leer zu kaufen..
Die Hinfahrt war allerdings weniger schön. Wir mussten mit dem Taxi, weil wir den Teig für unseren Waffelstand und andere Ausgeliehenheiten dort mithinnehmen mussten. Der Taxifahrer fuhr um eine Kurve etwas zackig und ein Moppetfahrer passte beim Uns-auf-der-rechten-Seite-überholen nicht auf, wurde geschnitten und knallte gegen unsere Seite und wurde zwischen unser und ein stehendes Auto gedrückt. Als er auf dem Boden lag, war ich auch schon raus, zerrte ihn unterm Mopped hervor und half ihm auf. Er humpelte ein bisschen, aber sonst war er nur um seine Kiste besorgt. Es sollte nach dem Blick auf Auto und Motorrad schnell weitergehen. Ich hatte Solveigh auf dem Schoß gehabt und beim Wiedereinsteigen hatte sie die Tür am Türrahmen, die dann von der zugeknalllten Tür eingeklemmt wurde. Zum Glück war alles schnell wieder gut, sie hat eben noch nicht sone dicke Hand. Und Mama hatte Kügelchen dabei.

Was die Baustellen angeht, sammel ich auch weiterhin, so gesehen ist das hier eine Art Zwischenbericht:
Zunächst mal wird hier von der Statik her schon ganz anders gebaut als in D, da alle 2 Jahre oder so auch mal deutlich spürbare Erdbeben vorkommen sollen. Meistens sind es jedoch Beben, die unter der Spürbarkeitsgrenze liegen. Also bisher hatten wir noch kein großes. Und wir leben in einem sicheren Haus, was man von diesem wohl nicht sagen konnte.

Eine Baustelle funktioniert so: Zunächst gibt es ein Haus, große Grundfläche, aus der Zeit der Revolution oder ein paar Jahre davor oder danach.
Renovieren gibts hier nicht, entweder streichen und kacheln oder abreißen und neubauen. Dann natürlich mit mind. 3 Geschossen mehr.
Die Steine vom Abriss werden von den Afghanis (aus denen die Bautrupps meist bestehen – billig, loyal und genügsam) aufgestapelt und dann bauen sie aus den Resten ihre neue zeitweise Behausung. Dort wird geschlafen, gegessen und gelebt, bis das nächste Haus gebaut wird.


Die Baustelle wird bis ins 3. oder 4. Untergeschoss ausgeschachtet, wo nachher der Pool und das Parking sich befinden (und die Hausmeisterwohnung…) Hinten sieht man wieder eine Arbeiterbehausung. Später wird in den Neubau umgezogen und die Steine um die Stützen rumgemauert, oder wo sie sonst noch verwendet werden können.

Dann wird ein Gerüst aus Stahl oder Stahlbeton errichtet. Beides ist bei der hiesigen Qualität nicht ganz ungefährlich –
Stahl wird immer noch auf der Baustelle geschweißt; die Schweißer sitzen in schwindelnden Höhen (meist) ohne Gurt und braten die auf Konsolen abgelegten Träger fest. Eigentlich darf nur noch geschraubt werden oder die Schweißnähte werden auf Tauglichkeit geröngt. Die Praxis ist leider anders.
Stahlbeton – Selten sieht man einen Mischwagen, der nach Din oder Euronorm angemischten Transportbeton zur Baustelle bringt. Meist findet man Ortbeton oder Baustellenbeton; ob die Überdeckungen des Stahls eingehalten werden, möchte ich mal bezweifeln.
Die Schalung für die Fußböden ist manchmal unglaublich, Holz ist knapp, also nimmt man jedes Brett, das sich finden lässt.
Manchmal kann ich nicht sofort rausfinden, ob ein Haus nun abgerissen wird oder grad neugebaut.

Dies ist aus Isfahan, wo dem, bei dem wir zu Besuch waren, grad die Aussicht auf den schönsten Berg der Gegend verbaut wurde.In Tehran wird nur selten mit Holzstützen gearbeitet, hier nimmt man eher normale Drehstützen.Und wenn das Gerüst steht, wird ausgefacht. Manchmal mit Vollstein, meist mit TonHochlochziegeln. Die brechen schon beim ankucken.

Diese beiden Bilder sind von heute, da hat jemand beim Ausladen keine Geduld mehr gehabt:Bis hierhin erstmal der erste Teil, es gibt noch mehr spannende Bilder.
Wir wünschen eine schöne Vorweihnachtszeit.

[Jochen]